„Rinaldo“, Georg Friedrich Händels erste für London geschriebene Oper, ist für die Karlsruher Händel-Festspiele ein bekanntes Werk. Schon 1981, bei den vierten Festspielen, stand die Oper auf dem Programm. Und man erinnert sich noch gut an jene Produktion, da damals zum ersten Mal ein Countertenor die Bühne des Badischen Staatstheaters betrat. Ab jenem Zeitpunkt gehörten die Altisten zu den gern gesehenen Gästen auf der Karlsruher Bühne, und fast jeder renommierte Countertenor wirkte irgendwann beim Ensemble der Händel-Festspiele mit.

Umso bedauerlicher ist es, dass es diesmal nicht gelingt, einen mitreißenderen Interpreten für die Titelrolle zu gewinnen als Lawrence Zazzo. Auf der Bühne, auf der in den letzten Jahren u.a. Max Emanuel Cenčić, Franco Fagioli, Jakub Józef Orliński und Valer Sabadus brillierten, nimmt sich Zazzo als eher biedere Besetzung aus. Wie viel ergreifender hätte wohl Cenčić „Cara sposa“ gesungen, wie viel virtuoser hätte Fagioli die „Venti turbini“ angerufen? Doch man entscheidet sich für die selten gespielte zweite Fassung der Oper von 1731, die gegenüber der von 1711 umfangreiche Umarbeitungen erfuhr und besonders im letzten Akt neue Akzente setzt. So wurde der Schluss ab dem Marsch geändert, was Zazzo die Arie „Or la tromba in suon festante“ erspart. Auch die Battaglia ist gestrichen, was das Heroisch-Kriegerische des dritten Aktes deutlich reduziert.

Das greift auch Hinrich Horstkotte auf, der in Personalunion sowohl Regie als auch Ausstattung übernimmt. Während er im Bühnenbild und in den Kostümen eine geradezu barocke Bühnenpracht erstrahlen lässt, wird der Titelheld bei ihm zur gebrochenen Figur. Nicht als siegreicher Held, sondern als traumatisierter Charakter steht Zazzo am Ende auf der Bühne.

Konventionell gezeichnet sind die weiteren Protagonisten, wenn man sich auch erst daran gewöhnen muss, dass Argante in dieser Fassung einem Alt anvertraut ist. Doch Francesca Ascioti macht viel aus der Partie, ebenso wie Valeria Girardello eine verführerische Armida gestaltet. Die gesangliche Krone gebührt indes Suzanne Jerosme als wunderbar singende Almirena mit der Arie „Lascia ch’io pianga“: ein gesanglicher Höhepunkt. Unbedingt erwähnt werden muss noch der Goffredo von Jorge Navarro Colorado, der nach wackeligem Beginn einen Koloraturtenor vom Allerfeinsten hören lässt.

Rinaldo Alessandrini und die Deutschen Händel-Solisten bieten Barock-Musik auf höchstem Niveau, wobei der Dirigent auch gern mal improvisieren lässt und auf die Spontaneität seiner Musiker setzt. So interessant es ist, die 1731er-Fassung kennenzulernen, das Pendant von 1711 wirkt doch frischer und musikalisch anspruchsvoller.

Manfred Kraft

„Rinaldo“ (1711/31) // Opera seria von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website des Badischen Staatstheaters Karlsruhe