Zwei Kinder, zwei Geister, zwei Frauen – und ein abwesender Mann, der sich mit den Sorgen der anderen nicht belasten will. Das Personal von Benjamin Brittens Oper (nach Henry James) ist überschaubar, das Geflecht der Beziehungen umso dichter. Eine junge Gouvernante übernimmt auf dem Landgut Bly die Betreuung der scheinbar engelsgleichen Waisenkinder Miles und Flora. Doch den Kindern erscheinen zwei Geister: Peter Quint, der verstorbene Diener, und Miss Jessel, ihre unglückliche Vorgängerin. Immer mehr verfängt sich die Gouvernante in einem Netz aus Angst, Pflichtversessenheit und Wahnsinn.

Das Verdrängte, das Unsagbare, das Abwesende – sie bilden den Kern dieses Werks. Wie bei Poe oder E. T. A. Hoffmann bleibt man auch hier im Ungewissen: Sind die Geister real oder bloße Projektionen einer überreizten Psyche? Regisseur Peer Perez Øian lässt diese Frage ebenfalls unbeantwortet. Sein Zugang ist frei von übertriebener Psychologisierung und so mehr Thriller als Psychothriller. Ein schwarzer Guckkasten, eingefasst in einen weißen Rahmen – mehr braucht es auf der Bühne nicht. Während der Zwischenspiele glüht der Rahmen auf, strukturiert so das Bühnengeschehen und erinnert die Zuschauenden zugleich an ihre Beobachterrolle. Zudem dient der Kasten sowohl als Projektionsfläche für Rückblenden – eine filmische Anleihe – als auch als Innenraum des Hauses Bly. Alle drei Ebenen gleiten konstant ineinander, erzeugen ein szenisches mise en abyme und ein angenehm schwindelerregendes Spiel mit Schein und Sein.

Die betörend schöne Ausstattung sorgt dafür, dass man sich mehr in einem Märchen als in einem Schauerfilm wähnt: stilisierte, historisierende Kostüme (Bianca Deigner), ein atmosphärisch-realistisch gestaltetes Bühnenbild mit leuchtenden Fenstern (Etienne Pluss) und das kunstvolle Lichtdesign von Martin Flack erschaffen eine Welt von ästhetischer Zartheit.

Auch der Cast überzeugt auf ganzer Linie: Johanna Wallroth gestaltet die Gouvernante mit lyrischer Leichtigkeit. Miles (Mikkel Bosrup Kvalbein Blyverket) und Flora (Camilla Øfsthus) werden in Oslo tatsächlich von Kindern aus dem eigenen Chor gesungen – die Zartheit ihrer Stimmen spiegelt die Vulnerabilität der Figuren wider. Eli Kristin Hanssveen als Miss Jessel singt mit fein nuanciertem, niemals dominierendem Mezzosopran, Magnus Staveland als Peter Quint (und Erzähler) changiert stimmlich und darstellerisch sicher zwischen Verführung und Bedrohung, Christine Rice ist eine ideale Mrs. Grose und meistert selbst die tiefen Passagen.

Souverän arbeitet sich das Opernorchester durch die kammermusikalische Partitur Brittens. Dirigent Antonio Méndez gelingt eine solide, klare Lesart – doch wo dramatisches Zupacken und Detailfreude gefragt wären, bleibt er zu zögerlich.

Alles in allem ein packender, gelungener Abend: ästhetisch hochansprechend und wohltuend frei vom moralischen Zeigefinger. Eine Produktion, die mehr betören als nur erschrecken will.

Dr. Dimitra Will

„The Turn of the Screw“ (1954) // Oper von Benjamin Britten

Infos und Termine auf der Website der Norwegischen Oper