Staatsoper Hamburg • Die Unruhenden Ein überraschender Abend in Zimmerlautstärke
Oper? Nein, das Wort mag Christoph Marthaler gar nicht. Wäre ja auch ein Wunder, wenn die Theaterregie-Legende etwas Sinnhaftes im bis heute weit verbreiteten Rampengestehe auf den großen Opernbühnen dieser Welt finden würde. Da überrascht es denn im ersten Moment, dass der Schweizer nun seine jüngste Weltensuche an der Staatsoper Hamburg vorgenommen hat. Und doch ist es nur folgerichtig, denn „Die Unruhenden“ mit Musik Gustav Mahlers haben so gar nichts mit klassischen Oper(inszenierunge)n zu tun.
Das fängt schon mit dem Spielort an: Statt im großen Haus ereignet sich dieses Musiktheater in der Opera stabile, der Studiobühne – nicht, weil dieser „Abend in Zimmerlautstärke“ nicht den großen Saal gefüllt hätte (bereits vor der Premiere sind alle Vorstellungen so gut wie ausverkauft), sondern weil Marthaler den Klang-Giganten Mahler unbedingt in einem kleinen Raum auseinandernehmen wollte. Statt mit großem Orchester hat er mit lediglich zehn Musikern einen ganz leisen Abend erarbeitet und die Instrumentalisten überwiegend ins Off hinter den Kulissen „verbannt“, sodass Mahlers berühmte Fernmusiken nicht allein optisch erlebbar sind. Mag der auch nie eine Oper geschrieben haben, dass seine Musik für die Inszenierung taugt, steht außer Frage – wobei der musikalische Leiter Johannes Harneit sich für deren Einrichtung lediglich an Bruchstücken bedient hat: natürlich aus Mahlers Symphonien, der ersten, zweiten, dritten und zehnten, aber auch aus seinen Liedern. Selten erlebt man ganze Segmente, eher Anklänge (aus der Ferne), Ahnungen, Erinnerungen.
Wenn denn überhaupt etwas zu hören ist, denn der Regie-Meister liebt die Stille und den Stillstand. Begleitet von der ebenso gestrengen Oberschwester wie famosen Cellistin Nadja Reich lässt er eine Gruppe grotesker Gestalten gut zwei Stunden lang aufeinandertreffen – offenbar einstige Nobelpreisträger, die nun in einem wirtshaus-ähnlichen alpenländischen Altersheim (Bühne: Duri Bischoff) vereinsamt ihren Lebensabend fristen. „Guten Abend, ich glaube, ich kenne Sie nicht – oder doch?“ Einsamkeit, Eigenweltlichkeit, Endlichkeit: Verschmitztheit statt Pathos, alltäglicher Wahnsinn, der immer wieder Notenblätter (natürlich von Mahlers Musik) aus der Wand regnen lässt statt hehrer Kunst – selbst die imposante Kuhglocken-Sammlung an der Balkendecke entpuppt sich als stummer Fake. Aber ist nicht am Ende das ganze Leben eine große Illusion?
Was am Ende bleibt, ist ein kleines, großes Ausrufezeichen in der Ägide des neuen Hamburger Opernintendanten Tobias Kratzer: Will der doch mit Blick auf den 350. Geburtstag des Opernhauses in der Hansestadt bis 2028 in einer Programmserie jener Intendanten und Generalmusikdirektoren gedenken, die wie einst Mahler am Haus auch als Komponisten tätig waren. Marthaler hat mit seiner Produktion einen ebenso leisen wie Aufhorchen lassenden Anfangspunkt, zugleich aber auch die Messlatte hoch gesetzt.
Christoph Forsthoff
„Die Unruhenden“ (2026) // Ein Abend in Zimmerlautstärke – Musiktheater von Christoph Marthaler mit Kompositionen von Gustav Mahler
