Das 90-Minuten-Stück „The Lion’s Face“ der in England lebenden und aus Russland stammenden Komponistin Elena Langer (*1974) gelangte beim Brighton Festival 2010 zur Uraufführung. Jetzt kommt es zur um ein Jahr verschobenen deutschen Erstaufführung. Langers Kammeroper zeigt Empathie, Glyn Maxwells Textbuch setzt ohne Belehrungseifer aufschlussreiche Mini-Episoden. Am Ende folgt bewegter Applaus der von intensiver Netzwerk-Arbeit sozialer Vereine begleiteten Produktion. Das Publikum zeigt sich berührt durch die lakonische wie pragmatische Intensität. Im Vorgespräch mit der Komponistin und dem Neurologie-Professor Simon Lovestone, der sie und den britischen Poeten Maxwell für das Projekt beraten hatte, ging es auch um die enormen Fortschritte der Alzheimer- und Demenz-Forschung seit Entstehung der Oper.

Seit 70 Monaten kommt Mrs. D. in die Klinik. Sie findet keinen Weg mehr zu ihrem im Denken und Reagieren offenbar verstummten Mann. Dieser ist eine von Marieke Chinow gebaute Kopfgriff-Puppe in Fast-Lebensgröße und die einzige Sprechrolle unter Gesangspartien. Christoph Levermann spricht dessen kurze Sätze kantig, Seth Cardillo-Tietze führt die Puppe. Ausgerechnet die namenlose Tochter der Pflegerin knackt die abgesunkene Psyche D.s und bringt diese zum leisen, doch hoffnungsvollen Schwingen. Anna Maria Schmidt spielt mit einem längst der Schuluniform entwachsenen Leuchten, das Langer mit Spitzentönen fütterte. Kai Anne Schuhmacher zeigt in ihrer Regie später die nach außen erkennbare Innenwelt D.s mit einer karnevalesken Verwandlung aller Figuren. Dieses Intermezzo wirkt wie ein bizarrer Kindergeburtstag am falschen Ort.

Linda Tiebels Halbrund-Spiegelwände und realistische Kostüme sind passend derangiert. Sophie Klussmann als risikofreudig souveräne Stimmgeberin und die spielende Regisseurin teilen sich für die erkrankte Anna Erxleben die Partie der Pflegerin. Diese liebt still und hoffnungslos den Doktor (starke Präsenz: Paul Gukhoe Song). Antigone Papoulkas macht spürbar, dass Mrs. D. ’s psychische Haut durch die in langen Jahren unerwiderte Konversation mit ihrem Ehemann extrem dünn geworden ist. Die Nähe, die zaghaften Berührungen und scheuen bis fordernden Blicke der Figuren sind genau ausbalanciert. Sie bewahren das Ambiente vor den Plattitüden des Arzt-Klinikgenres und featuren das Opus zum Glück nicht zum Psychiatrie-Thriller auf.

Jan Arvid Prée am Pult lässt dem Ensemble Raum und Dynamik für Langers ariose Linien und Deklamationen, hat Stimmen und Fäden zum Spiel gut im Griff. In der Übersetzung von Kai Anne Schumacher denkt man, dass Maxwells Textbuch vieles, aber zum Glück nicht alles erklärt und dabei den Figuren Spielmöglichkeiten zur Darstellung von Nähe und Distanz, emotionaler Fülle und Horror vor der Leere lässt. Der Titel fußt auf einem Missverständnis von Iris Murdoch, die das „Löwengesicht“ als Gesichtszüge von Alzheimer-Patienten mit einer „löwenhaften Gleichgültigkeit“ definierte.

Roland H. Dippel

„The Lion’s Face“ (2010) // Oper von Elena Langer (Musik) und Glyn Maxwell (Libretto), deutsche Übersetzung von Kai Anne Schuhmacher

Infos und Termine auf der Website der Landesbühnen Sachsen