„Hyperkomplex“ nennt Elisabeth Stöppler, die Regisseurin der neuen Stuttgarter „Meistersinger“, Wagners Oper. Wie so oft bei Wagner bündeln sich in den Figuren nicht nur private Konflikte und Liebesgeschichten, sondern auch politische und soziale Kommentare. Sie verweisen auf Entwicklungen, die Wagner als gefährlich empfand – und machen die „Meistersinger“ bis heute zu einem Werk, das kunst- wie mentalitätsgeschichtlich gelesen werden will.

Im Zentrum steht jener Patriotismus, dessen sich Demagogen bedienen, um „das Volk“ zu verführen. Diesen Mechanismus verdichtet Wagner im „Wahn“-Monolog des Hans Sachs. Martin Gantner gestaltet ihn mit leichtem Bariton, intensiver Präsenz und klarer Artikulation – als großen Tragöden, dessen Erschütterung direkt berührt. Doch Sachs’ Vielschichtigkeit bleibt ansonsten in Stöpplers Deutung blass. Anders als es die Regisseurin nahelegt, geht es Sachs gerade nicht darum, das künstlerisch Neue „zuzubetonieren“ – ein Motiv, das Bühnenbildner Valentin Köhler in einem sich über die drei Aufzüge zunehmend vermauernden Holzgerüst bis hin zur Assoziation des Speer’schen Reichsparteitagsgeländes durchbuchstabiert.

In einer Hitler-nahen Pose entschwebt Stolzing mit den „Heils-Grüßen“ des Chors gen Bühnenhimmel, um von oben sein „Nicht Meister, nein!“ herabzusenden, während Sachs seine – vom Dirigenten Cornelius Meister zusätzlich pathetisch aufgeladene – Schlussansprache nicht an die Nürnberger Bürger, sondern an Eva richtet, der Esther Dierkes blühende Anmut verleiht. Dagegen erwischt die zweite Solistin des Abends, Maria Theresa Ullrich als Magdalena, nicht ihren stärksten Tag hat.

Glücklicherweise erweist sich Meisters Klangvorstellung im Übrigen als wesentlich konturierter und lässt die zahlreichen kontrapunktischen Verästelungen durchhörbar werden. Geradezu ergreifend gelingt ihm das Vorspiel zum dritten Aufzug, das – nach der vorangegangenen originalen Celan-Rezitation der „Todesfuge“ – wie eine Trauermusik anhebt. Ein wirklich lockerer Konversationston will sich indessen nicht entfalten. 

Im Detail aber gelingen Stöppler starke Kammerspielszenen – etwa wenn Eva ihrem Vater an den Bart geht. David Steffens formt dazu einen Belcanto-Pogner mit Schärfe. Auch die komödiantischen Elemente, etwa die Zunftversammlung, sind spielfreudig ausgestaltet. Der Griff ins Groteske, wenn Meister Vogelmasken tragen, überzeugt trotz Anspielung auf Stolzings Lied von der Vogelweide weniger.

Daniel Behle gibt als Stolzing sein Stuttgarter Debüt mit Schmelz und Strahlkraft bis zum finalen Preislied. Kai Kluge kostet als David jede Nuance aus, Björn Bürger überzeugt als prägnanter Beckmesser ohne Übertreibung. Paweł Konig (Kothner) und Michael Nagl (Nachtwächter) setzen markante Akzente, während selbst die kleineren Meister-Partien üppig besetzt sind. Mit phänomenaler Durchschlagskraft glänzt erneut der von Manuel Pujol einstudierte Staatsopernchor.

Diese neuen Stuttgarter „Meistersinger“ sind bei allen Einwänden vor allem eines: ein Sängerfest.

Dr. Jörg Riedlbauer

„Die Meistersinger von Nürnberg“ (1868) // Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Stuttgart