Opernhaus Zürich • Cardillac Paul Hindemiths „Cardillac“ erlebt in Zürich eine moderne Neuinszenierung
Ein gläserner Lift fährt lautlos nach oben. Darin ein Mord. Während Menschenmassen mit Einkaufstaschen von Gucci und Louis Vuitton berauscht vom Besitz durch eine Shoppingmall strömen, ersticht Cardillac sein Opfer hinter transparentem Glas. Kaum ein Regieeinfall könnte Paul Hindemiths Oper präziser in die Gegenwart katapultieren als die Inszenierung von Kornél Mundruczó. Der Tempel des Konsums wird zum Tatort – und zum Resonanzraum einer Obsession.
Was bei Hindemith als Geschichte eines Goldschmieds beginnt, der seine Kunst nicht aus der Hand geben kann, wird hier zur Studie über Besitz, Begehren und Fetisch. Die Bühne zeigt zunächst die Fassade des Juweliergeschäfts, später dessen Inneres – ein kluger Perspektivwechsel, der den Blick immer tiefer in die Mechanik einer manischen Besessenheit zieht. Goldstaub rieselt wie ein Leitmotiv durch den Abend, allgegenwärtig, verführerisch, toxisch.
Im Zentrum des Abends steht Gábor Bretz. Sein dunkel grundierter, zugleich geschmeidiger Bassbariton entfaltet eruptive Wucht und konzentrierte Spannung. Bretz spielt mit einer Intensität, die die Figur von innen speist. Man glaubt ihm die Zerrissenheit, das Ausgeliefertsein an ein Begehren, das stärker ist als er selbst. Anett Fritsch verleiht der Tochter leuchtende Klarheit und innere Festigkeit. Zwischen ihr und dem Vater liegt eine spürbare, verstörende Nähe, die nie plakativ ausgespielt wird und gerade deshalb wirkt. Michael Laurenz zeichnet den Offizier mit schneidender Klangschärfe und präziser Linienführung – stets am Rand des Exzesses, ohne je ins Forcieren zu kippen.
Dass Fabio Luisi bereits seine dritte Neuproduktion von „Cardillac“ dirigiert, ist kein Zufall. Vom ersten Takt an spürt man, wie sehr ihm diese Partitur liegt. Das Orchester des Opernhaus Zürich klingt farbenreich und differenziert: scharf konturiert in den rhythmisch gehämmerten Passagen, beinahe schwelgerisch in den lyrischen Momenten. Brutalität und feine Romantik stehen unversöhnt nebeneinander. Luisi kostet diese Brüche aus, ohne sie zu glätten, und macht Hindemiths kühle Konstruktion sinnlich erfahrbar.
Der Chor gerät zum kollektiven Rauschkörper, erst gierig konsumierend, dann lynchend. Wenn Cardillac schließlich erschlagen wird, richtet eine Gesellschaft über ihr eigenes Begehren. Doch verweigert Mundruczó am Ende die moralische Reinigung. Tochter und Offizier setzen dem Toten eine goldene Rüstung samt Maske auf. Keine Erlösung. Nur Vergoldung.
Eugenia Hoffmann
„Cardillac“ (1926) // Oper von Paul Hindemith
