Mainfranken Theater Würzburg • Die Dreigroschenoper Unterhaltsame und dabei sehr Brecht’sche „Dreigroschenoper“ in Würzburg
Zu oft erlebt man „Die Dreigroschenoper“ als schön-gesungenes musiktheatrales Werk, das sich der ohrwurmtrunkenen Illusion hingibt und zur Revue verflacht. Auch wenn dieses „Stück mit Musik“ von Kurt Weill und Bert Brecht unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann durchaus hohes Unterhaltungspotenzial hat: Bei aller Melodienflut bleibt es ein Werk voller Illusionsbrüche und harter Gesellschaftskritik.
Am Mainfranken Theater hat man sich für eine Lesart entschieden, die ganz nah an eben diesem Ursprungsgedanken bleibt und die Handlung dennoch in der Gegenwart verortet: Das Team rund um Regisseur Till Kleine-Möller inszeniert die Geschichte vom Bettlerkönig Peachum, seiner Tochter Polly und deren Geliebten Mackie Messer konsequent als Stück im Stück. Noch vor Erklingen der Ouvertüre betreten Mitarbeitende einen Maschinenraum, in dessen Mitte eine Gelddruckmaschine steht, die von Computern betrieben wird. Aufgrund eines Systemfehlers muss ein Update ausgeführt werden: g.OPR 3.0.exe. Zuvor braucht es die Installation von 18 Dateien – jede dieser Dateien ist ein Song. Der Verlauf des Installationsfortschritts wird stets eingeblendet (3/18). Die notwendigen Requisiten (Kostüme, Mobiliar, Gegenstände, Handlungsanweisungen) druckt die Maschine: Sie sind allesamt aus Papier. Alles ist in nüchtern-industriellem Schwarz-Weiß gehalten. Die Mitarbeitenden schlüpfen in mehrere Rollen und führen durch den Abend.
Kleine-Möller folgt dabei meisterlich dem Brecht’schen Diktat des konsequenten Illusionsbruchs. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler singen bewusst nicht – es ist vielmehr ein ehrlich-roher Sprechgesang. Kostüme und Requisiten sind zum Schema reduziert: Die Huren tragen ein weißes T-Shirt mit aufgemalten Brüsten und Strapsen, Tisch und Teller sind aus Papier – fehlt das Salz auf dem Essen, wird es prompt mit einem Stift auf das Essen „gepunktet“. All das wirkt komisch – und darf es auch sein. Bei aller planmäßigen Nüchternheit sind es aber die kleinen Details, die Kleine-Möllers präzise Werkkenntnis beweisen: Die Flasche Cordial Medoc in Frau Peachums Händen – ein Verweis auf Südfrankreich, den Entstehungsort der „Dreigroschenoper“ und eine genaue Textumsetzung des Originals.
Viele Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpfen in unterschiedliche Rollen und wechseln dabei auch das Geschlecht – allen voran Linda Rohrer als (herrlich aufgedrehte) Lucy, Münzmatthias und Hure. Hannes Berg spielt einen (im wahrsten Sinne) wunderbar-kleinkarierten Peachum, an dessen Seite überzeugt Nina Mohr als Frau Peachum. Martin Liema gibt einen tollen, selten so brutal gezeichneten aber dennoch schlüssigen Mackie. Die kleine multi-instrumentale Band spielt live und begleitet mit schmissiger Geschmeidigkeit.
Eine insgesamt sehr starke Ensemble-Leistung des Mainfranken Theaters, die deutlich macht, dass ein guter Brecht-Abend eben von der klugen Konzeption und den Darstellenden lebt und nicht vom Produktionsbudget abhängig ist.
Dr. Dimitra Will
„Die Dreigroschenoper“ (1928) // Stück mit Musik von Bertolt Brecht, Kurt Weill. Unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann
