Ums Künstlerego geht es in der Oper ja oft – und um Mord und Totschlag ebenso. In „Cardillac“ – dem Werk, das Paul Hindemith und sein Librettist Ferdinand Lion aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ gemacht haben – geht es um beides zugleich. Ein Goldschmied kann sich nicht von seinen Werken trennen. Wenn er eins verkauft, bringt er den Käufer heimlich um und holt sich das Schmuckstück zurück. Auf die Dauer geht das natürlich nicht gut. Zumal der Bewerber um die Hand der Tochter sich nicht abhalten lässt, auch so ein Kunstwerk zu erwerben. Am Ende gesteht der Goldschmied selbst, der gesuchte Mörder zu sein und fällt so dem aufgebrachten Mob zum Opfer.

Giulia Giammona (Regie) nutzt die Parteinahme des letzten (Beinahe-)Opfers für die radikale Fixierung des Künstlers auf sein Werk zu einer bemerkenswerten Pointe. Aus der individuellen Disposition eines aus der Bahn Geratenen wird hier eine ganze bellizistische Wende. Ein Großteil des sich über den Einzelnen empörenden gutbürgerlichen Mobs tauscht Zivil gegen Uniformjacken; nur eine Minderheit verweigert sich dem, wofür sie auch von einem Einpeitscher gewaltvoll gemaßregelt wird. So kippt das Ende, das zunächst wie ein Verweis auf die Zwischenkriegszeit erscheint, die die Kunstproduktion der Zwanzigerjahre prägte, fast unmerklich in ein Menetekel der Gegenwart. Der exzellent in Szene gesetzte Psychokrimi weitet sich damit ins gesellschaftlich Relevante, ohne ins Plakative auszuweichen. Die Drehbühne (Susanne Maier-Staufen) wird von riesigen Vitrinen beherrscht. Mal zeigen sie die Kunstwerke, mal die Opfer, mal imaginieren sie die Straßen der Stadt. Das Fragile von Kunstwerken wird in Glas übersetzt, die Morde von zersplitterndem Glas und Sequenzen von Hans-Richter-Filmen aus der Uraufführungszeit der Oper illustriert. 

Musikalisch polemisiert das Werk dezidiert gegen die Spätromantik: mit vergleichsweise kleiner Besetzung im Graben entfaltet es dennoch einen wuchtig-schroffen, für heutige Ohren fast schon eingängigen Ton, den Killian Farrell mit der Hofkapelle in Hochform als Melange aus kammermusikalischer Präzision und dramatischem Drive zelebriert. Der Meininger Chor, von Roman David Rothenaicher hervorragend einstudiert, profitiert zudem von der maßgeschneiderten Choreografie Alessandra Bareggis.

Das exzellente Protagonisten-Ensemble wird von Shin Taniguchi als Cardillac, Lena Kutzner als dessen Tochter und Roman Payer als dem um sie werbenden Offizier angeführt. Auch Tamta Tarielashvili, Isaac Lee und Selcuk Hakan Tiraşoğlu lassen in ihren Rollen nichts zu wünschen übrig. Meiningen zeigt sich mit dieser Neuproduktion musikalisch ganz und gar auf seinem gewohnt hohen Niveau – und hat obendrein für dieses Bühnenwerk der Moderne eine ebenso stimmige wie präzise szenische Fassung gefunden.

Dr. Joachim Lange

„Cardillac“ (1926) // Oper von Paul Hindemith

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Meiningen