Theater Vorpommern • Oceane Detlev Glanerts „Oceane“ als schillernde Studie über Freiheit und Konventionen
Das Body Acting der Sopranistin Antje Bornemeier in der Titelpartie von Detlev Glanerts „Oceane“ gerät zu einer unter die Haut gehenden Studie. Das Publikum im Theater Stralsund spendete hingebungsvollen Applaus, wie man ihn sonst bürgerlichen Opernsujets des frühen 20. Jahrhunderts vorbehalten wähnt.
Die fein nuancierte Instrumentation des Henze-Schülers Detlev Glanert, dessen Oper anlässlich von Theodor Fontanes 200. Geburtstag an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wurde, kommt sehr gut an, bis hin zu Oceanes epiloghaftem Brief an ihren fassungslosen Liebhaber Martin von Dircksen, der allzu sehr in normativen Beziehungsmustern gefangen ist. Die Holzbläser greifen den letzten hohen Ton von Oceanes Briefsolo auf und perpetuieren diesen bis zum Verklingen von Glanerts schöner Partitur nach Fontanes Kurzfragment „Oceane von Parceval“. Knapp zwei Stunden umfasst der Zweiakter vor einem marodierenden Ostsee-Hotel, dessen Verfall die frankophile Besitzerin Madame Louise (zunächst elegisch, dann gefasst: Kadi Jürgens) mit Champagner für alle besiegelt.
Die Situation eskaliert: Thomas Rettensteiner als Pastor Baltzer beschwört gröblich alle Tiraden des „gesunden Volksempfindens“ gegen die mit ihrer Körperlichkeit müde Konventionen sprengende Oceane. Fassungslos sind sowohl Sotiris Charalampous als betörender Martin von Dircksen als auch Yuko Kakuta als Oceanes plärrig-flache Gesellschafterin Kristina. Poetisch wirken die dunkle Hotelruine (Ausstattung: Andreas Wilkens) und dahinter die sich aufbäumenden Meereswogen (Video: Eva Humburg). Die düsteren Kostüme künden vom nahenden Untergang; das Geldbürgertum tanzt hemmungslos (Choreografie: Stefano Fossat), stürmt in Rettungswesten zur letzten Fähre des Sommers und begräbt davor die verhasste Oceane unter weißen Pelzmänteln. Der von Jörg Pitschmann einstudierte Opernchor des Theaters Vorpommern gibt den dumpfen Lemuren eine dezent vorgestrige Eleganz. Schließlich entpuppt sich die Drehbühne als Studio, Oceane demaskiert sich erhobenen Hauptes – jetzt sind alle weg, auch Martins grotesker Freund Felgentreu (Maciej Kozłowski) und der Madame Louise vergeblich ins Gewissen redende Hausdiener Georg (Alexandru Constantinescu).
Jan-Richard Kehl nimmt das an Aphorismen reiche Libretto von Hans-Ulrich Treichel häufig beim Wort und formt im Stralsunder Jugendstilraum packende Spannungskontraste zur musikalischen Magie des Philharmonischen Orchesters Vorpommern. Dirigent Florian Csizmadia sorgt für Transparenz und Fülle und ermöglicht dem eindrucksvollen Ensemble die hier so entscheidende Textverständlichkeit. Antje Bornemeier singt die Titelpartie mit vitaler Präsenz, klarer Kondition, großer Kraft und gestischem Selbstbewusstsein. Diese prachtvoll gezeichnete Frau mit Momenten der Verzagtheit und Borderline-Anwandlungen wird nur deshalb zum Problem, weil sie nicht im Gleichschritt mit der bornierten Masse fühlt und denkt – was ihren Liebhaber Martin fasziniert, ihn angesichts von Oceanes sexueller Freizügigkeit aber an Grenzen der Etikette und des männlichen Verständnisses führt.
Roland H. Dippel
„Oceane“ (2019) // Oper von Detlev Glanert
