Den Premierentermin von „The Wreckers“ hat Intendantin Kirsten Uttendorf sicherlich mit Bedacht gewählt: zwei Tage vor dem „Weltfrauentag“ am 8. März. Eine Verbeugung vor der englischen Komponistin und Suffragette Ethel Smyth (1858-1944), die sechs Opern, symphonische und kammermusikalische Werke schrieb – und deren „March of the Women“ zur Hymne der britischen Frauenbewegung wurde.

Smyths Freund Henry Brewster schrieb das Libretto zu „The Wreckers“ auf Französisch, uraufgeführt wurde die Oper dann aber 1906 in deutscher Sprache unter dem Titel „Strandrecht“ in Leipzig. Erst 1909 erlebte das Werk in London seine englischsprachige Erstaufführung. Diese einzige von Smyth autorisierte Fassung diente Uttendorf als Grundlage für ihre Inszenierung.

Schon bei der Ouvertüre läuft das von Per-Otto Johansson dirigierte Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold zur Höchstform auf: In ihrer abwechslungsreichen, musikalischen Bandbreite von fröhlichen, volksliedhaften Klängen bis hin zu Unheil beschwörendem Aufbrausen spiegelt sich schon die Vielschichtigkeit des Dramas wider.

Irgendwo in Cornwall lebt eine Dorfgemeinschaft vom angeschwemmten Strandgut der an den Klippen zerschellten Schiffe. Angeführt von ihrem bigotten Pfarrer Pascoe (Marcel Brunner) locken sie die Schiffe in die Falle und machen auch den Überlebenden den Garaus. Als längere Zeit „Beute“ ausbleibt, bemerken Leuchtturmwärter Lawrence (Jonah Spungin) und seine Tochter Avis (Johanna Nylund), dass irgendjemand die Schiffe mit einem Leuchtfeuer warnt. Der Verdacht fällt zuerst auf Pascoe, dann auf seine viel jüngere, zugezogene Frau Thirza (Lotte Kortenhaus). Doch als das Dorf über Pascoe zu Gericht sitzt, gibt sich Fischer Mark (Ji-Woon Kim) als „Verräter“ und Thirza als seine Komplizin und Geliebte zu erkennen. Marks frühere Freundin Avis versucht ihn durch ein „gefaktes“ Alibi zu retten und alle Schuld auf Thirza zu lenken. Vergeblich: Die beiden Liebenden werden den Fluten übergeben …

In Smyths durchkomponierter Oper klingen zwar in einigen Momenten zarte Referenzen an Richard Wagner an, ansonsten stehen in ihrer eigenständigen – fast prophetisch die orchestralen Filmmusiken Hollywoods der 30er und 40er Jahre vorwegnehmenden – Partitur Chor-Massenszenen im Kontrast zu intimen Liebesduetten und Solostücken. Aber sobald sich der Opernchor mit der Statisterie des Theaters auf der engen Bühne drängelt, wird die Eleganz der Kompositionen von einer allzu statischen Inszenierung konterkariert. Da hätte eine (Bewegungs-)Choreografie dem Ganzen sicher etwas mehr Leben eingehaucht. Auch den stimmlich überzeugenden Solisten würde eine präzisere Schauspielführung mehr Glaubwürdigkeit verleihen. So gelingt es lediglich Johanna Nylund als Avis, die Balance zwischen Gesang und Schauspiel zu halten. Zu wenig für eine Musik und ein Libretto, die große, zwischenmenschliche Gefühle und zeitlose, gesellschaftliche Konflikte mit berührender Emotionalität verbinden.

Rolf-Rüdiger Hamacher

„The Wreckers“ (1906/09) // Lyrical Drama von Ethel Smyth

Infos und Termine auf der Website des Landestheaters Detmold