Opéra national de Paris • Eugen Onegin Ralph Fiennes debütiert als Opernregisseur
Filmrealistisch und äußerst dekorativ – so präsentiert sich Ralph Fiennes’ erste Opernproduktion „Eugen Onegin“ an der Opéra Garnier. Schon der erste Blick auf Bühne und Figuren verrät die Handschrift eines Ästheten und Filmkenners, der die Bildsprache des Kinos genau versteht und sie mit sichtbarem Vergnügen auf die Opernbühne überträgt.
Erzählt wird die bekannte Geschichte um den Gesellschaftslöwen Eugen Onegin, an den die junge Tatjana ihr Herz verliert. Sie lebt in der Provinz und kann Onegins Interesse zunächst nicht fesseln. Jahre später begegnen sich beide wieder: Tatjana hat inzwischen in den Petersburger Adel hineingeheiratet. Nun hegt Onegin Gefühle für sie – doch Tatjana bleibt unerreichbar. Es ist eine hochtragische Oper, die (fast) ohne Leichen auskommt und gerade dadurch eine bittere Note erhält.
Fiennes, der in der Verfilmung „Onegin – Eine Liebe in St. Petersburg“ (1999) selbst die Titelfigur verkörpert hat, hält sich in seiner Inszenierung eng an den Erzählfluss der Partitur. Er vertraut Figuren, Dialogen und der Emotionalität Tschaikowskis mehr, als dass er sie brechen wollte. Neu und reizvoll ist sein Umgang mit dem Raum: Wo sich mehrere Personengruppen gleichzeitig bewegen, überträgt Fiennes das musikalische Aus- und Einzoomen auf die Personenführung. Intime Nahmomente und große gesellschaftliche Tableaus gehen ineinander über. So fängt er emotionale Keimzellen präzise ein, ohne die Totale zu verlieren – ein filmisches Element, das auf der Opernbühne sehr überzeugend wirkt.
Kostüme (Annemarie Woods), Bühnenbild und Requisite sind von bemerkenswerter dekorativer Opulenz. Anders als im von „Bridgerton“ geprägten Pseudo-Historismus insistieren die Kostüme auf historische Plausibilität. Das Bühnenbild von Michael Levine zeigt riesige, stilvoll eingerichtete Räume – mal naturnahen Wald, mal weitläufigen Ballsaal. So großzügig die Ausnutzung der Portalhöhe wirkt, so problematisch ist sie akustisch: Die Sängerinnen und Sänger müssen an die Rampe ausweichen, um ihre Stimmen sicher in den Saal zu tragen. Alessandro Carletti leuchtet Stimmungen nuanciert aus und setzt gezielt (fast) filmische Akzente.
Die Produktion ist zugleich eine vokale und orchestrale Sternstunde. Allen voran glänzt Ruzan Mantashyan als Tatjana: Sie beherrscht die Bühne mit fokussiert geführter, facettenreicher Stimme und großer darstellerischer Intensität. Mit ihr mitzuhalten gelingt Boris Pinkhasovich als Onegin nur mit Mühe; er bleibt in der psychologischen Zeichnung glatter. Bogdan Volkov feiert ein fulminantes Hausdebüt als Lenski, dessen Abschiedsarie im zweiten Akt zum Herzstück des Abends gerät. Marvic Monreal ist ihm als Olga eine ideale Partnerin mit vollmundigem, jugendlichem Mezzosopran. Auch in den kleineren Partien wird auf hohem Niveau gesungen.
Case Scaglione arbeitet am Pult die Facetten der Partitur differenziert heraus, ohne ins Plakative abzugleiten. Das Orchestre de l’Opéra national de Paris bleibt transparent und findet doch immer wieder zu atmosphärisch dichten Klangbildern. Am Ende steht eine exzellente Leistung – ein „Eugen Onegin“, der weniger auf radikale Brüche setzt als auf Eleganz und cineastische Effekte.
Dr. Dimitra Will
„Евгений Онегин“ („Eugen Onegin“) (1879) // Oper von Pjotr I. Tschaikowski
