Zurecht feiert das Premierenpublikum die „Rigoletto“-Neuproduktion des Theaters für Niedersachsen mit langen Ovationen. Für dieses Psychodrama erschaffen Regisseurin Shira Zsofia Szabady und der Bühnenbildner und Modedesigner Sebastian Ellrich eine Bildsprache für die beklemmende Ausweglosigkeit der handelnden Personen. Alles lassen sie auf einer drehbaren runden Schräge spielen, positioniert vor einem großen Rundhorizont. Die Farbe Rot dominiert, farbpsychologisch für Leidenschaft, Energie, aber auch Aggression und Gefahr. Über allem schweben zwei riesige leuchtende Kreise, von denen einer sich ab und zu auf die Szene senkt und symbolisch die Akteure ausweglos einkreist.

In diesem abstrakten Setting entfaltet die Regisseurin eine Personenführung, die sich bis ins rhythmische Detail an der Partitur orientiert und zugleich die emotionalen Beziehungen der Personen glaubhaft darstellt. Dabei orientiert sie sich an der Commedia dell’arte mit deren speziellen Kleidung und den oft grotesken Bewegungsabläufen. Dem entsprechend hat Ellrich fantasievolle Kostüme entworfen, allerdings für die dekadente Hofgesellschaft als leicht schräge Genderfluid-Fashion. In dieser Kostümierung stellt der klangvoll singende tfn-Männerchor (Einstudierung: Achim Falkenhausen und Stefano De Laurenzi) die Höflinge dar. Deren intrigantes Verhalten hat die Regie von Person zu Person präzise durchgearbeitet, einschließlich mancher skurrilen Choreografie. Und auch der leichtlebige Herzog kommt in dunklem Crossdressing daher.

Diese Rolle des Verführers und Untäters, der immer gewinnt, bringt David Soto Zambrana mit hoher belcantischer Qualität und differenzierter Darstellung auf die Bühne. Seine berühmte Arie „La donna è mobile“ singt er mit italienischem Schmelz und einer der Rolle entsprechenden arroganten Nonchalance. Überwältigend schön und anrührend singt und spielt als einer der vielen Höhepunkte des Abends Gabrielė Jocaitė als Rigolettos Tochter Gilda ihre Arie „Caro nome“, besonders die Sterbeszene in den Armen ihres Vaters geht zu Herzen. Den gestaltet Andrey Andreychik mit leicht linkischer Körpersprache hin und her gerissen zwischen Tochterliebe, Übervater-Verhalten, Spottlust, Verhöhnung erleidend und von Rachesucht getrieben mit frei und strahlend fließendem Belcanto.

Aus dem Graben hört man herrliche Instrumental-Soli. Florian Ziemen führt das Orchester darüber hinaus von den leisen, durchsichtig instrumentierten, sehr sensiblen Passagen immer wieder zu den mächtig aufbrausenden Klangwellen dieser einzigartigen Musik. Dabei hält er aufmerksam Kontakt zu den Sängerinnen und Sängern, sodass ein überzeugender Verdi-Gesamtklang entstehen kann.

Daran sind ebenfalls gut singend und spielend beteiligt: Tobias Hieronimi als zwielichtiger Auftragsmörder Sparafucile, Neele Kramer als seine Schwester und Gildas nicht ganz zuverlässige Gesellschafterin, Teaseop Kim als verfluchender Graf Monterone und in weiteren Rollen Eddie Mofokeng, Julian Rohde, Chun Ding und Daniel Chopov. Einzige Gästin ist Laura Romero Arias als erotische Gespielin des Herzogs.

Claus-Ulrich Heinke

„Rigoletto“ (1851) // Melodramma von Giuseppe Verdi

Infos und Termine auf der Website des Theaters für Niedersachsen