Nach „Anna Bolena“ und „Maria Stuarda“ (mit der fabelhaften Hauskraft Maryna Zubko) nun „Roberto Devereux“ mit Klára Kolonits als Elizabeth I. von England. Viele Vorwürfe hagelt es, viele Zornesblitze werden geschleudert, viel Trübnis herrscht in diesem Dreiakter – bei gleichzeitiger Hoffnung, Roberto Devereux doch noch vor seiner Hinrichtung retten zu können. Aber alle Maßnahmen greifen zu spät, der Kopf Devereux’ rollt, und das hat speziell in Ulm schwerste Folgen: Elizabeth, kahlköpfig schon und am Stock laufend, ist – obwohl zu starken Teilen mitschuldig – außer sich und ersticht auf offener Bühne das Ehepaar Nottingham.

Dass sie, die nun gedanklich mit Krone und Leben abschließt, sich nicht auch noch selbst ans Messer liefert, dass es also in Ulm nur drei Tote gibt statt möglicher vier, ist wohl nur der aristokratischen Contenance von Elizabeth zu verdanken – und der Regisseurin des Abends, Annette Wolf. Im wiederaufbereiteten Bühnenbild von Petra Mollérus, das erneut verschiebbare hohe Stelen mit gotischer Vertäfelung (und allerlei gerahmter Landschaftsmalerei) zeigt, erzählt Wolf die Story reichlich konventionell im Schreiten, Stehen, Gestikulieren – sowie in Kostümen, die die Entstehungszeit der Oper reflektieren (Eva-Maria Weber). Dringlichkeit erfährt die Inszenierung erst im dritten Akt, wenn die Bühne zweigeteilt ist und unten im Kerker Devereux schmachtet, während oben Elizabeth neben einem symbolisch gefallenen Palast-Kronleuchter verzweifelt.

Was die Produktion gleichwohl wertvoll macht, ist die Sängerbesetzung. Man staunt, welche Glanzleistungen das kleine kommunale Theater versammeln kann, während andernorts Staatstheater allzu oft nur mit Wasser kochen. Das Protagonisten-Quartett des neuen Ulmer „Roberto Devereux“ empfiehlt sich gleichsam geschlossen für größere Häuser und würde auch dort Ehre einlegen. I-Chiao Shih muss sich als Herzogin von Nottingham zwar erst ein wenig freisingen, steigert sich dann aber vokal enorm im Kampf gegen ihren rachsüchtigen Ehemann, den Dae-Hee Shin mit zunächst substanziell-warmem, dann substanziell-erkaltetem Bariton gibt. Hinzu kommt Joshua Spink in der Titelrolle, ein schmelzender, stilistisch vorzüglicher Tenor-Belcantist, sogar mit „Träne“. Und schließlich tragen Generalmusikdirektor Felix Bender sowie der Chor und das Orchester Ulms die Mittelpunktsrolle der Elizabeth feurig-wirkungsvoll. Klára Kolonits vor allem geht in der Personenregie aus sich heraus bei gleichzeitigem Vermögen zu so leicht ansprechendem wie tragendem, sauber-blitzendem Koloraturgesang. Dass sie darin nicht nur ihre Liebe zu Devereux verpacken kann, sondern auch ihre stets von Misstrauen zerfressene Haltung ihm gegenüber, führt zu einer scharfen Charakterzeichnung obendrein. Große Begeisterung an der Donau.

Rüdiger Heinze

„Roberto Devereux“ (1837) // Tragedia lirica von Gaetano Donizetti

Infos und Termine auf der Website des Theaters Ulm