Im Café reißen verdrängte Wunden auf. Plötzlich greifen die Schatten der Vergangenheit um sich, erschüttern, bedrängen die ergraute Frau. Es ist Penthesilea. Sie hat einst im wüsten Getümmel einer Schlacht ihren Widersacher getötet. So galt die Regel, obwohl eigentlich Zuneigung zwischen ihr und Achilles im Raum lag. Wie ein Echo schwingt die Tragödie nun bedrückend nach, wird nahbar, ritzt sich brutal unter die Haut. Den antiken Stoff bearbeitete vor rund 200 Jahren Heinrich von Kleist, 2015 entwickelte der französische Komponist Pascal Dusapin mit Co-Autorin Beate Haeckl aus dem Drama „Penthesilea“ ein ergreifendes Bühnenwerk. Jetzt ist es an der Staatsoper Hannover erstmals auf einer deutschen Bühne zu sehen.

Regisseur Lorenzo Fioroni und Bühnenbildner Paul Zoller siedeln die Geschichte auf einem abstrakten Schauplatz an. Die Kostüme von Sabine Blickenstorfer überspringen alle Zeiten zwischen den martialischen Amazonen und heutig ausstaffierten Soldaten. Entsprechend die generelle Lesart des Kreativteams: Kriegserfahrungen wirken stark nach innen, verletzten die Psyche, weit über den Waffengang hinaus – der wahre Gegner lauert in der Seele. Ein permanenter Alarmzustand ruft aus diesen Menschen. Darauf zielt die kompakte, schlüssige Inszenierung. Nur selten dringt das Grauen an die Oberfläche, dann lässt die völlig entfesselte Penthesilea den toten Achilles von zwei (echten) kläffenden Hunden symbolisch zerfleischen.

Dusapins exzellent gearbeitete Partitur macht die wechselnden Aggregatzustände mit großer Intensität hörbar. Die Liebe flirrt in zarten Harfentönen, das Gefecht kündigt dunkles Rumoren an, Krieg assoziieren schneidende Streicherklänge und Schlagwerk. Aus den starken Kontrasten erwächst eine Endzeitstimmung, durch die Musik geradezu körperlich spürbar. Stephan Zilias schwört das Niedersächsische Staatsorchester Hannover auf den emotional durchpulsten Sound vorzüglich ein. Sein präzises Dirigat trägt die pausenlose Aufführung in knisternde Dauerspannung. Lorenzo Fioroni nimmt das Militärische konsequent zurück, konzentriert sich stattdessen auf ein überzeugend ausgeleuchtetes Psychogramm.

Mit Peter Schöne als Achilles und Katrin Wundsam in der Titelrolle stehen der Regisseur zwei herausragende Solisten zur Verfügung, die das Konzept mit Bravour und enormem Stimmvolumen umsetzen. Olga Jelínková (Prothoe), Yannick Spanier (Odysseus) und die Priesterin von Anthea Barać flankieren die beiden auf gleichem Level. Auch der Chor präsentiert sich erstklassig.

Ein dichter, beklemmender, höchst anregender Opernabend. Der prasselnde Schlussbeifall des überwiegend begeisterten Publikums holt das herausragende Ensemble aus der Apokalypse wieder in eine wohligere Gegenwart.

Jürgen Rickert

„Penthesilea“ (2015) // Oper von Pascal Dusapin

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Hannover