Oper Graz • Arizona Lady Kálmáns Western-Operette unterhält im Hollywood-Breitwandformat – und doch fehlt ihr der frische Anstrich
1954, im Jahr der Uraufführung, stand Emmerich Kálmáns „Arizona Lady“ schon einmal in Graz auf dem Programm. So lag es nahe, sein letztes Bühnenwerk (von Sohn Charles vollendet und ergänzt) neu zu befragen. Die im Western-Milieu angesiedelte Geschichte um das titelgebende Rennpferd erweist sich bei genauerer Betrachtung als die alte „Gräfin Mariza“-Fabel, diesmal mit Anleihen an Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ und angeregt von Rodgers & Hammersteins „Oklahoma!“.
Dass die Operette schon damals kein großer Erfolg war, mag an dem auch für 1954 vergleichsweise uninspirierten, aber dennoch charmanten Libretto von Alfred Grünwald und Gustav Beer liegen, das für ein heutiges Publikum umso biederer wirkt. 2026 verpasst man leider die Chance, die Vorlage genregetreu auf den ironischen i-Punkt zu treiben und dramaturgisch keck zuzuspitzen. Zu zaghaft ist der gekonnte Versuch, die Figur des Ibanez Lopez in „Donald McDumb“ (großartig distinguiert und zotenfrei gespielt von János Mischuretz) mit einigen aktuellen Anspielungen umzudeuten. Fehlt dramaturgisch der frische Anstrich, fehlt der Regie von Christian Thausing eine entschiedene Haltung zum Stück und vor allem der Mut zu einer zweiten, komischen Ebene der Ironie. Dabei beherrscht er sein Handwerk grundsolide, kommt jedoch über ein respektvolles 1:1-Abbild des Librettos nicht hinaus. Das ist für eine solche Wiederentdeckung leider zu wenig.
Dabei würden das geniale Bühnenbild – ein variabler, monumentaler Holzaufbau vor einem naturalistisch gemalten Prospekt – und die geschmackvollen, um etwas Bling-Bling angereicherten Kostüme genug Möglichkeiten bieten (Ausstattung: Okarina Peter und Timo Dentler). So flirrt der Abend in naturalistischem Ambiente bunt-vergnüglich dahin. Wunderschön anzusehen ist das allemal und die großen Tanzszenen (Choreografie: Evamaria Mayer) reißen mit.
Brillant gespielt wird die Operette von den Grazer Philharmonikern unter Kai Tietje, der sich bei seinem äußerst gelungenen Arrangement diesmal sehr am Original orientierte und dieses geschickt durch einige Übergänge ergänzte. In den Hauptpartien der Rangerin Lona und ihres Cowboys Roy Dexter stehen mit Friederike Haas und Christof Messner zwei Musicalsänger auf der Bühne, die ihre Sache erstaunlich gut machen und letzten Endes Kálmáns Partitur doch einiges schuldig bleiben. Gesungen wird wunderbar, natürlich ohne zu belten, dabei wirken sie stets charmant. Allerdings lassen ihren Stimmen das so wichtige Charisma in der Mittellage und die Brillanz und Farbe in der Höhe vermissen, was sie in ihrer grundehrlichen Darstellung teenagerhaft wirken lässt – die gestandenen „Westernhelden“ nimmt man den beiden nicht ganz ab.
Der Rest des Ensembles ist ideal besetzt, wenn wie im Falle der vokal wie spielerisch großartigen Corina Koller (Nelly Nettleton) auch fachfremd. Im Gedächtnis besonders hängen bleiben der bezwingend schüchterne, geradezu an Chico Marx erinnernde Chester von Ivan Oreščanin oder auch Martin Fournier als Cavarelli. So verpasst die „Arizona Lady“ in Graz leider den Zieleinlauf als Sieger, bietet dennoch stimmungs- und reizvolle drei Stunden Hollywood-Breitwandformat.
Daniel Hirschel
„Arizona Lady“ (1954) // Operette von Emmerich Kálmán in einer Bearbeitung von Kai Tietje
