Bayerische Theaterakademie August Everding • Auf und Ab Ein tragikomischer Doppelabend nach Nino Rota und Darius Milhaud
Natürlich ist das Publikum aus freiem Willen ins Prinzregententheater gekommen! Denn an diesem Abend geht es um nichts weniger als die nicht selten absurde Erfahrung vom „Auf und Ab“ des Lebens. Auf einem hochklassigen sängerdarstellerischen Niveau mitzuerleben ist eine physikalisch-psychologisch fundierte, ebenso poetische wie spannungsgeladene Lehrstunde „Über die unausweichliche Zunahme von Missverständnissen“. Sie katapultiert die Protagonisten dieses gekonnt inszenierten Opern-Doppels unter der souveränen musikalischen Leitung von Peter Rundel am Pult des Rundfunkorchesters mit ihrer kaum überraschend wohldosiert eingängigen, doch nie eindimensionalen Musik aus vermeintlich geordneten Bahnen flugs in Katastrophen. Wie auf einer Wippe, wie sie die Ausstatterin Hana Ramujkić nutzt, um das Fundament des Wohnstätten-Kastenbaus immer wieder in Schieflage zu bringen, rutschen die Protagonisten in unvorhersehbare Situationen. Für die moderne Musiktheaterbühne definitiv ein Glücksfall, wird ihr Dasein in eine Richtung gelenkt, die weder gewünscht noch beabsichtigt war.
So ergeht es der introvertierten jungen Pianistin Mariuccia, die mit ihrer Mutter in einer von Fellinis Traumwelten inspirierten Pension lebt. So ergeht es dem verklemmten Raimondo, der sich dorthin aufmacht, um der Angebeteten endlich seine Liebe zu gestehen. Doch einen Haushaltsunfall später wird er ohnmächtig und lässt sich Bewusstseins-getrübt auf die Liaison mit der lasziven Signora Giudotti ein. Synchron bedarf nebenan Mariuccia ärztlicher Hilfe und macht in ihrem Ausnahmezustand eine Liebeserklärung, die der Dottore auf sich bezieht. Die Aufklärung all dieser unglücklichen Verwechslungen bleibt aus, nebulöse Aussprachen führen ins Leere. Als wir uns zwei Jahre später „dazuschalten“, hat sich Mariuccia ihrem Schicksal als Ärztegattin gefügt und Raimondo vergessen, mit welcher Mission er einst gekommen war. Er bittet genervt, das Fenster zu schließen, um vom Klavierlärm verschont zu bleiben.
Weniger passiv agiert die verarmte Kneipenwirtin, die ihrem Mann treu ergeben ist und neue Beziehungen ablehnt. Als Matrose wird er seit 15 Jahren vermisst. Doppeltes Pech für ihn, dass er bei seiner Rückkehr nicht erkannt wird und beschließt, sich als reichen Freund des bald nach Hause kommenden Matrosen auszugeben, um seine Frau einem Test zu unterziehen. Sie erschlägt den vermeintlich reichen Fremden mit einem Holzhammer, um ihr Überleben zu sichern.
Raffiniert verzahnt Regisseur Ingo Kerkhof die beiden Einakter „I due timidi“ („Die beiden Schüchternen“) von Nino Rota (hier in der Radiofassung aus dem Jahr 1950) und das tragische Klagelied „Le Pauvre Matelot“ („Der arme Matrose“) (1927), für das die Federn von Darius Milhaud und Librettist Jean Cocteau kongenial zusammengeflossen waren, zur pausenlos funktionierenden Einheit, bereichert um Auszüge aus weiteren Werken und Chansons.
Hätte Lovro Kotnik, der als diabolisch guter „Erzähler“ mal zynisch kommentierend, mal stumm die Fäden bzw. Gardinen vors tragikomische Geschehen zieht, die Frage „Wollten Sie das?“ nicht schon relativ früh in den Raum gestellt, hätte das Publikum mit einem lauten „Aber ja, unbedingt!“ geantwortet. So setzt erst nach knapp zwei hochkonzentrierten Stunden langer Beifall ein, um das verblüffend vokale Potenzial der Musiktheater/Operngesang-Studierenden zu würdigen. Namentlich zu erwähnen sind die Sopranistinnen Rusnė Tušlaitė (Mariuccia) und Beatriz Maia (die Frau des Matrosen) sowie die Tenöre Mose Lee (Raimondo) und Henrique Lencastre (Matrose), die in jedem Moment auf ein feines Ensemble vertrauen dürfen, das Präsenz zur obersten Prämisse macht!
Renate Baumiller-Guggenberger
„Auf und Ab – Über die unausweichliche Zunahme von Missverständnissen“ // Musiktheater mit Nino Rotas „I due timidi“ („Die beiden Schüchternen“ (Radiofassung 1950) und Darius Milhauds „Le Pauvre Matelot“ („Der arme Matrose“) (1927)
Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Theaterakademie August Everding
