Oper Dortmund • Mazeppa Grandvals „Mazeppa“ zwischen Comic und Unabhängigkeitskampf
Als komponierende Frau im 19. Jahrhundert war es in der Regel nicht leicht, Anerkennung zu erlangen. Zu den Ausnahmen zählt die 1830 geborene Französin Cleménce de Grandval, Schülerin von Chopin und Flotow. Wobei sie das Glück hatte, privilegiert zu sein: Der adlige und reiche Ehemann unterstützte sie, sodass sie Aufführungen ihrer Werke, die fast alle Gattungen umfassen, selbst finanzieren konnte. Einen großen Erfolg errang sie mit der 1892 in Bordeaux uraufgeführten Grand Opéra „Mazeppa“. „Es sei schwierig hinter dieser eisernen Feder, welche die Charaktere mit so viel Ungestüm, Leidenschaft und Enthusiasmus sprechen lässt, eine zarte Frauenhand zu vermuten“, so urteilte die Tageszeitung „Le Soleil“ damals über das Stück.
Über 100 Jahre später und nach totaler Vergessenheit ist die Zeit endlich reif für einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf „Mazeppa“. In Dortmund ist die szenische deutsche Erstaufführung zu erleben, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Palazzetto Bru Zane, die parallel zur Premiere die Oper als CD-Buch in toller Besetzung herausbrachte.
Der historische Mazeppa war ein Kosake, der für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte und dort heute als Held verehrt wird. Sein Leben wurde künstlerisch häufig verewigt, etwa im Gedicht von Puschkin oder in der Vertonung Tschaikowskis. Bei Grandval ist die Titelfigur kein edler Krieger, sondern ein Verräter, der mit fremden Mächten paktiert. Daran scheitert auch die Ehe mit der blutjungen Matréna, die am Ende wahnsinnig wird.
Regisseur Martin G. Berger verzichtet auf einen naheliegenden nationalen Bezug. Er inszeniert ein zeitloses Spiel um Macht und Massenverführung. Doch sein Konzept erschließt sich erst im Verlauf, der Anfang irritiert erst einmal. Zur Ouvertüre läuft ein Film ab, auf dem Superman durch die Nacht fliegt. Dann öffnet sich der Vorhang. Auf einer Treppe, die die Bühne (Sarah-Katharina Karl) dominiert, sammelt sich das Volk und begrüßt den vermeintlichen Retter Mazeppa, der bald kultartig verehrt wird. Doch Gewalt wird zum ständigen Begleiter seines Regimes. Wie es dazu kam, zeigt ein Video zur Ballettmusik im zweiten Teil. Mazeppa wächst in einer Schwarzen Familie auf, wird als Jugendlicher gemobbt und entwickelt sich deshalb zum skrupellosen Machtmenschen. Superman dient ihm als Projektionsfläche: Er identifiziert sich mit dem Fantasy-Helden. Der Wechsel zwischen Rückblenden, Traumsequenzen und Realität wirkt bisweilen überfrachtet, insgesamt aber fesselt Bergers Lesart.
Gänzlich erfüllend ist indes die musikalische Seite. In Grandvals Partitur vereinen sich vokale Wechselbäder, effektvolle Massentableaus und gewiefte Instrumentationskunst. Jordan de Souza sorgt für knisternde Spannung aus dem Orchestergraben, der stark geforderte Chor singt prachtvoll. Anna Sohn verleiht Matréna Herzblut und enorme Leuchtkraft. Sungho Kim wirft sich mit Emphase und Belcanto-Strahl in die Rolle des Exverlobten Iskra. Und eine Wucht ist der charismatische Mandla Mndebele als Mazeppa. Sein Bariton kann nicht nur mächtig auftrumpfen, sondern auch sensibel klingen. Artyom Wasnetsov als bassprofunder Vater und Denis Velev als satirisch überzeichneter Geistlicher komplettieren das Ensemble, das „Mazeppa“ in Dortmund zum Triumph führt.
Karin Coper
„Mazeppa“ (1892) // Oper von Clémence de Grandval
