Staatstheater Wiesbaden • Die Vögel Walter Braunfels’ „Vögel“ ohne Vögel
Vor dem geschlossenen Vorhang malen die Holzbläser, von Harfen umglitzert, in delikaten Farben ein lichtes Idyll. Eine Sängerin im engen roten Kleid (Josefine Mindus) tritt heraus und begrüßt mit locker und perfekt servierten Koloraturen das Publikum. Laut Libretto soll sie eine „Nachtigall“ darstellen, und man ahnt, dass man den titelgebenden Vögeln auch im weiteren Verlauf auf der Bühne nicht begegnen wird. Der Komponist hatte in Anlehnung an die gleichnamige Komödie des Aristophanes singendes Federvieh vorgesehen, das sich von zwei Menschen dazu bringen lässt, ein „Wolkenkuckucksheim“ in den Lüften zu errichten, welches in seiner Hybris die Götter herausfordert. Während jene im antiken Original im Wege der Diplomatie klein beigeben, erheben sich die Vögel bei Braunfels, von den menschlichen Ratgebern angestachelt, zum Krieg gegen die Ewigen. Zeus macht kurzen Prozess mit ihnen und zerstört die Vogelstadt in den Lüften mithilfe von Naturgewalten.
Musikalisch erinnern die farbige Instrumentierung, süffige Melodienbildung und spätromantisch verfeinerte Harmonik an Richard Strauss. Epigonal, das Ganze, aber sehr gekonnt und wirkungsvoll. Das gut aufgelegte Orchester unter Leitung von Paul Taubitz lässt die Partitur im besten Licht erscheinen. Als Volksverführer überzeugt Hovhannes Karapetyan mit saftigem Bassbariton als „Ratefreund“, während Richard Trey Smagur als „Hoffegut“ mit dem scharfen Timbre seines Tenors irritiert. Wunderbar rund singt Sam Park den (als solchen nicht zu erkennenden) Vogelanführer „Wiedehopf“. Mit der klaren Diktion eines Liedsängers präsentiert Jonathan Macker die Mahnungen des „Prometheus“. Machtvoll tönt der dunkle Bass von Young Doo Park als „Adler“ und „Stimme des Zeus“. Auch der Chor zeigt sich bestens präpariert.
Der Reiz der Handlung besteht aus ihrer Metaphorik, die den Größenwahn der Mächtigen und die Verführbarkeit des Volkes durch gewiefte Demagogen als Satire im Gewand einer Tierfabel präsentiert. Regisseur Ersan Mondtag pfeift auf diese Verfremdung, kündigt das Werk plakativ als „Populisten-Oper“ an und lässt es im Wartebereich eines Flughafens spielen. Diesen hat er als sein eigener Bühnenbildner mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Die Rückfront zeigt ein großes Fenster, das als Abspielfläche für Videoprojektionen dient. Zunächst sieht man dort Startbahnen, später einen Werbefilm für das Bauprojekt in den Lüften, schließlich die fertige Architektur. In einer Traumsequenz fährt die Flughafen-Lounge nach oben und macht einem Spielzeugladen Platz, in dessen Regalen Plüschbären mit unheilvoll leuchtenden Augen sitzen. Von oben werden fleischfressende Planzen mit Reißzähnen heruntergelassen – warum auch immer. Das sieht alles gut aus und sorgt für kurzweilige Unterhaltung, reibt sich aber durchgängig mit dem Text. Mitunter wirkt es so, als habe man einem Film die falsche Tonspur unterlegt. Wenn man derartige Verfremdungen mag, bekommt man einen musikalisch ausgezeichneten und szenisch abwechslungsreichen Abend serviert.
Dr. Michael Demel
„Die Vögel“ (1920) // Oper von Walter Braunfels
Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Wiesbaden
