Er sei ein Bildermaler, sagt Markus Lüpertz, kein Regisseur. Und mit Regietheater habe er nichts am Hut. Er wolle eine Geschichte anbieten, deren „Vollendung“, also Deutung, gern in den Köpfen des Publikums vonstattengehen möge. All das löst er mit seinem „Rheingold“ in Meiningen ein. Wotan ist ein Mann mit Speer, Fricka eine sanft mahnende Gattin und Freia ein verschrecktes junges Mädchen. Lauter Märchenfiguren stehen da auf der Bühne – in gelb, grün, blau und rosa bezaubernd anzusehen, so als hätte ihnen der Maler Lüpertz die Pastellfarben ganz frisch auf die Kostüme gepinselt. Auf dem Kopf der Götter goldene Flügel, die Herren mit Helm, die Damen mit Stirnband. Und alle, auch die beiden Riesen, tragen gewaltige Plateauschuhe. In diesen klobigen Monstern schreiten sie von links nach rechts, von vorn nach hinten und wieder zurück. Menschliche Interaktionen? Mühsam in diesen Tretern, die ihren dramaturgischen Sinn nicht preisgeben. Und wer gerade nicht singt, hat Pech gehabt, der steht halt dann rum, vom Regisseur alleingelassen.

Der verlässt sich auf seine Malerei – und da tut sich mehr als auf der Bühne. Auf seinem Hauptprospekt, von Lüpertz als Bühnenvorhang eingesetzt, krault im unteren Drittel eine Nixe am Grund des Rheins, auf dem Wasser rudert der Tod in einem Nachen vorbei – und am linken Rand blickt eine riesige Caspar-David-Friedrich-Figur in Rückenansicht, im langen Mantel, mit Hut und Stock, nach rechts oben auf einen Berg mit einer putzigen Trutzburg, die mal Walhall werden soll. Mit den historisierenden Nibelheim-Prospekten wähnen wir Musikfreunde des Jahres 2026 uns dann endgültig im Illusionstheater der 1860er Jahre, mit dem der kunst- und musiksinnige Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen den Ruhm des Meininger Kulturlebens begründet hat. Trotz der sprechenden Bilder von Lüpertz staubt es da ganz gewaltig aus den Kulissen. Doch in dieser Szene hat uns die Magie der Musik längst in ihren Fängen. 

Die Meininger Hofkapelle liefert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Killian Farrell einen fulminanten Wagner-Klang ab: zupackend, poetisch, dramatisch und die herausragende Sängerriege auf Händen tragend. Majestätisch-edel der Wotan von David Steffens, dämonisch-nachtschwarz Boaz Daniel als Alberich, von furchterregender Präsenz Tamta Tarielashvili in der Rolle der Erda. Und über allen der markante Tenor von John Heuzenroeder als abgefeimter, mit allen Wassern gewaschener Strippenzieher Loge, der als einziger auch szenisch brillieren darf.

Was ihn am „Rheingold“ interessiere, war Markus Lüpertz vor der Premiere gefragt worden. Seine Antwort: die Götterwelt als Gegenwelt zu dem, was wir Menschen kennen. Schade, dass er uns nicht erzählt hat, was das für eine Welt sein soll.

Michael Atzinger

„Das Rheingold“ (1869) // Vorabend zum Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Meiningen