Kinder spielten schon im neuen Kölner „Rheingold“ mit und eine Rolle. Auch da war Jordan Shanahan ein überzeugender Wotan. In der „Walküre“ wird jetzt die Seite dieser zentralen Figur der Tetralogie hervorgehoben, die seinen Weltrettungsversuch mit einem Helden, der sich von ihm emanzipieren kann, zu einer Art von postfaschistischem Rassenwahn steigert. Der blonde Gott in Uniform und Stiefeln – dazu ein Logo aus DNA-Abschnitten, mit rotem Kreuz und imperialen Flügeln, das auch Siegmund und Sieglinde auf ihrer uniformierten (Anstalts-)Kleidung tragen, in der sie offenbar entflohen sind.

Die Ästhetik von Pia Dederichs und Lena Schmid (Bühne), Mona Ulrich (Kostüme) und Robi Voigt (Video) kombiniert romantisierende Rückgriffe auf Wald- und Hundinghütte samt gespenstisch übergroßem Mond im Hintergrund geschickt mit packenden Videos und einer Zukunftsdystopie, in der nicht das Gold, sondern die Herrschaft über Datenfluten und die DNA Macht über die Welt verheißt. Dazu kommt in Paul-Georg Dittrichs Inszenierung vor jedem Akt ein optisches Vorspiel: erst Flucht durch einen nächtlichen Wald, dann exemplarische Katastrophenbilder und schließlich Siegfried als Embryo – der neue Mensch im Ultraschallbild. Die Guckkastenbühne hinter dem ebenerdig postierten Gürzenich-Orchester wird von zwei Großbildschirmen flankiert. Auf denen wechseln sich Überwachungsvideos mit dem DNA-Logo und der Visualisierung von Datenströmen ab.

Für dieses Science-Fiction-Walhall sammeln die Wotanstöchter nicht tote Helden ein – hier werden lauter blonde Abbilder der Zwillinge seines Seitensprungs in einem technisch aufgerüsteten Labor von ihnen wie am Fließband geboren, dupliziert, gesteuert und überwacht. Währenddessen kompensiert Fricka (Bettina Ranch) ihren Frust über ihre Kinderlosigkeit mit der Durchsetzung fundamentalistischer Moralnormen. Dass sie Wotan letztlich in seinem Eifer, den neuen, blonden Heldenmenschen gleich in Serie zu schaffen, ausbremst, bezahlt sein Sohn Siegmund mit dem Leben. Wotan überlässt dafür Hunding (Tijl Faveyts) seinen Speer. Er rächt sich aber an Fricka, indem er Hunding dazu bringt, sich selbst die Kehle durchzuschneiden.

Daniel Johansson und Astrid Kessler haben es als Zwillingspaar nicht leicht, sich über das Orchester vor ihnen hinweg durchzusetzen, steigern sich aber. Das gelingt auch Brünnhilde Trine Møller, bevor sie in einer raketenartigen Laborkammer in den Dauerschlaf entsorgt wird. Und der Möchtegern-Weltenherrscher dann doch – als Vater getroffen – zusammenbricht. Das im September (2026!) zu Ende gehende Opernprovisorium StaatenHaus erweist sich zumindest akustisch noch einmal als solches. Selbst einem so präzisen und sensiblen Dirigenten wie Marc Albrecht ist es nicht immer möglich, im Interesse seiner Sängerinnen und Sänger über den fehlenden Graben hinwegzutäuschen. Nicht alle haben solch imponierende vokale Reserven wie Jordan Shanahan. Wegen ihm hätte diese „Walküre“ auch „Wotan“ heißen können.

Dr. Joachim Lange

„Die Walküre“ (1870) // Erster Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Oper Köln