Landestheater Niederbayern • Parsifal Wagners „Parsifal“ spielt mit dem Nichts
Der Intendant des Landestheaters Niederbayern, Stefan Tilch, hat in den letzten Jahren mit der Inszenierung wesentlicher Werke von Richard Wagner Furore gemacht, vor allem mit dem „Ring des Nibelungen“. Nun also zum Ende seiner Intendanz Wagners Abschiedswerk „Parsifal“, was ihm nach seiner Ansage vor dem nicht ausverkauften Haus ganz besonders am Herzen liegt.
Durch seinen „Freund ChatGPT“ kam Tilch auf die Idee, dass das Nicht-Handeln, um das es im „Parsifal“ geht, DER zentrale Begriff sei. Dass man eine Situation NICHT ändern muss, sondern sich mit ihr auseinandersetzt. Dann öffneten sich Räume, und die Erlösung werde möglich. Erlösung vom Samsara, dem täglichen Haben, Wollen und Müssen, was Kundry hier verkörpert. Es geht also in eine spirituelle buddhistische Richtung – das Durchdringen des Scheins, um zum eigentlichen Sein vorzustoßen.
Tilch zeigt die Gralsgemeinschaft als eine an Hierarchien, alten Ritualen und Verboten festhaltende und einer Welt des Gehorsams und des Betens verpflichtete Gesellschaft. Hier wird gemaßregelt, auch mit einem gewissen Aggressionspotenzial. Klingsors Zauberwelt hingegen steht für blinden Konsum, das ewige Sehnen nach Mehr – und oft nach etwas, das man gar nicht braucht. Das zeigt sich durch völlig durchgeknallte Blumenmädchen, die im Konsumgetümmel von Seoul oder Tokio shoppen gehen.
Der Landshuter „Parsifal“ wird aber zum Beispiel dafür, wie ein sinnvolles Regiekonzept an der szenischen und dramaturgischen Umsetzung scheitert. Denn Speer und Gral sind für den Regisseur im Sinne seines Konzepts reine Gedanken. Nur Parsifal versteht am Ende, dass da gar nichts ist. So sieht man weder die Wunde des Amfortas, obwohl er auf sie hindeutet, noch den Gral, den er als Nichts gleichwohl erhebt, und auch nicht den Speer, den Parsifal, als Nichts, mit Bewegungen seiner Hände in der Luft simuliert. Das wirkt vor allem im Finale, wo gerade der Speer so intensiv thematisiert wird, unglaubwürdig und verkommt zu einer unfreiwillig komischen Pantomime.
Das Bühnenbild von Thomas Dörfler hingegen ist sehr ansprechend und passend. Bunte, bisweilen zu bunt leuchtende gotische Säulen deuten den Tempel an und formen auch den Wald. Ursula Beutler hat dazu attraktive Kostüme mit fernöstlichem Touch geschaffen, Sunny Prasch sorgt für eine lebhafte Choreografie. Florian Rödl steuert insbesondere im Vorspiel unpassende Videos bei.
Unter den Sängern ragen Stephan Bootz (Gurnemanz) mit seinem dunklen und charaktervollen Bassbariton sowie Yamina Maamar als sehr musikalische und agile Kundry mit schön abgedunkeltem Timbre heraus. Peter Tilch gibt einen intensiven Amfortas, Hans-Georg Wimmer kann als Parsifal mit wenig tenoralem Glanz und Charisma nicht recht überzeugen.
Basil H. E. Coleman leitet die Niederbayerische Philharmonie mit guter Akzentsetzung, aber bisweilen zu laut. Der von Guiran Jeong einstudierte Chor ist etwas zu dünn. Unnatürlich laut klingen hingegen die Stimmen der Solisten, die erneut durch Microports verstärkt werden. Ein vokaler Begleitumstand, der auch schon im „Ring“ nachteilig auffiel und angesichts des Größe des Theaterzeltes mit etwa 50 Metern Tiefe unnötig erscheint.
Dr. Klaus Billand
„Parsifal“ (1882) // Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner
Infos und Termine auf der Website des Landestheaters Niederbayern
