Opéra national de Paris • Siegfried Wagners „Siegfried“ im Paralleluniversum?
Auf den ersten Blick verblüfft die Optik des neuen Pariser „Siegfried“ – auf den zweiten bleibt vor allem die Personenregie von Calixto Bieito enttäuschend fahrig. Zwar eskaliert das Zusammentreffen von Wanderer Wotan (Derek Welton) und Erda (Marie-Nicole Lemieux) zu einem handfesten Krach und auch Brünnhilde und Siegfried finden nahezu konventionell zueinander. Seinem Siegfried-Darsteller mutet der Regisseur gleichwohl allerhand zu. Dazu gehört Austoben an frischer Waldluft oder das ausführliche Zerreißen zuerst von Stoff und dann von Folie. Dass er sein Schwert nicht schmieden muss, sondern einfach im Grünen findet, ist da kaum ein Ausgleich.
Die ersten beiden Teile von Richard Wagners „Ring“-Zyklus spielten in einer Welt, die die große Katastrophe schon hinter sich hat, mit Behausungen in einer dominierenden Fassadenkonstruktion (Bühne: Rebecca Ringst). Die stand einer lebensfeindlichen Umgebung gegenüber, die man nur noch mit Schutzanzügen und Atemmasken betreten konnte. Im „Siegfried“ sind diese Welt und die Fassade nur noch zu erahnen. Erst im dritten Aufzug kommt jenes gleißend weiße Containermodul zum Vorschein, in dem Brünnhilde, tiefgefroren (!), die Zeit von Siegfrieds Heranwachsen verbracht hat.
In den ersten zwei Aufzügen wird die Bühne jetzt vom üppigen Grün eines kopfüber, wipfelvoran aus dem Schnürboden wuchernden Waldes beherrscht. Auch der Boden ist mit dichtem Grün bedeckt. Vielleicht ist dieser Wald eine Art Paralleluniversum? Vielleicht ist das zusammen mit herumgeisternden Gestalten, die sich genetisch von allen anderen unterschieden, schon ein Neustart der Evolution, der freilich erst nach dem Finale der Götterdämmerung schlüssig wäre? Man weiß es (noch) nicht. Die Kopfüber-Waldvariante ähnelt Wissen aus Erfahrung und ist zugleich etwas vollkommen anderes.
Wenn das Laubwerk durch Videoprojektionen (Sarah Derendinger) in Bewegung gerät, stimmen Musik und Szene faszinierend überein; am weitesten entfernen sie sich ausgerechnet in den Schmiedeliedern. Siegfried findet das Wunderschwert einfach im Grünen und seine Brünnhilde in ihrer Kühlzelle. Metaphorisch zu Eis erstarrte Flammen des Walkürenfelsens passen dann sogar zur vorherrschenden Kopfüber-Logik diese „Ring“-Teils.
Trotz szenischer Unschärfen sorgen vor allem Pablo Heras-Casado und des Orchestre de l’Opéra national de Paris für ein musikalisches Ereignis. Zum hochkarätigen Ensemble gehören der eindrucksvolle Gerhard Siegel als Mime, Brian Mulligan als Alberich und Mika Kares als Fafner. Als Brünnhilde glänzt Tamara Wilson. Der Star des Abends ist aber der längst zu einem Siegfried der Extraklasse gereifte Andreas Schager: gestaltend, ohne vokales Helden-Posing und dennoch mit einem atemberaubenden Furor, der die Bastille spielend füllt.
Dr. Joachim Lange
„Siegfried“ (1876) // Zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
Infos und Termine auf der Website der Opéra national de Paris
