Badisches Staatstheater Karlsruhe • Breaking the Waves Missy Mazzolis Lars-von-Trier-Adaption
Einer „Heldin“ wie Bess McNeill begegnet man in der Opernliteratur nicht gerade häufig. Schon die Vorlage der Oper „Breaking the Waves“, Lars von Triers gleichnamiger Film aus dem Jahr 1996, stellte sie eher als Opfer denn als Heldin dar. Als Opfer einer lebens- und sinnenfeindlichen Welt, einer Welt, in der Frauen in der Kirche zu schweigen haben, in der die Kirchenglocken im Meer versenkt werden und die selbst Verstorbenen nur das Höllenfeuer verspricht.
Hier, in einer isolierten, calvinistischen Gemeinde in den schottischen Highlands, bittet die eigentlich tiefreligiöse Bess darum, Jan heiraten zu dürfen, einen „Fremden“, der auf der nahen Bohrinsel arbeitet. Als dieser nach kurzer Zeit des Glücks und der lange aufgestauten Lust wieder auf die Bohrinsel zurück muss, glaubt Bess fast wahnsinnig zu werden, was ihre innerlich verhärtete Mutter nur zu der Aussage „Wir Frauen müssen das aushalten“ verleitet. Bess betet, dass Gott ihr Jan so bald wie möglich zurückgeben werde. Dies geschieht auch, doch Jan kehrt als Krüppel zurück. Er wurde bei der Rettung eines Kameraden schwer verletzt und ist nun querschnittsgelähmt. Um Bess auch zukünftig ein sex- und lusterfülltes Leben zu ermöglichen, überredet er seine Frau, sich mit anderen Männern einzulassen und ihm davon zu erzählen. Nur so könne er „überleben“. Bess, die den Gedanken eigentlich ablehnt, sich aber selbst die Schuld an Jans Zustand gibt (da sie Gott um seine schnellstmögliche Rückkehr bat), bietet sich nun verschiedenen Männern an. Als sie schließlich von zwei Matrosen vergewaltigt und getötet wird, geschieht tatsächlich ein Wunder: Jan überlebt und kann sogar wieder gehen. Die letzte Szene zeigt Jan, der Bess aus dem Grab holt und in der See bestattet, worauf plötzlich die versunkenen Glocken wieder zu läuten beginnen.
Die amerikanische Komponistin Missy Mazzoli schuf dazu eine bildhafte, atmosphärische Partitur, der es allerdings etwas an dramatischen Steigerungen mangelt. Die ganze Musik ist hochdramatisch, aber selten wird darüber hinaus einmal eine Szene zu einem besonderen Höhepunkt geführt. Da bietet Royce Vavreks Libretto deutlich mehr an dramatischen Details, und zwar szenisch ebenso wie textlich. Christoph von Bernuth setzte dies mit seinem Bühnenbildner Oliver Helf in eine spannende und ergreifende Inszenierung um.
Die Titelrolle ist eine emotionale Tour de Force: über zwei Stunden Hochspannung in einer unter die Haut gehenden Partie. Martha Eason singt und spielt sich im wahrsten Sinn des Wortes die Seele aus dem Leib und ist nicht weniger als ein Ereignis! Ein sehr schönes Porträt schafft auch Marie-Sophie Janke als Dodo McNeill, Bess’ Schwägerin und so etwas wie die Stimme der Vernunft. Von Barbara Dobrzanska würde man gern mehr sehen, hinter ihrer Mrs. McNeill ist bereits eine „Jenůfa“-Küsterin zu erahnen. Auch Tomohiro Takada (Jan), Matthias Wohlbrecht (Dr. Richardson) und Oğulcan Yılmaz (Terry) lassen keine Wünsche offen. Und Giuseppe Barile hat den großen Bläsersatz und das reiche Schlagwerk der Badischen Staatskapelle bestens im Griff. Eine wahrlich packende Karlsruher Erstaufführung.
Manfred Kraft
„Breaking the Waves“ (2016) // Oper von Missy Mazzoli
Infos und Termine auf der Website des Badischen Staatstheaters Karlsruhe
