Im Venedig der Renaissance-Zeit verwehrt Violanta ihrem strengen Gatten Simone die eheliche Liebe, seit ihre Schwester Nerina vom Königssohn Alfonso verführt wurde und sich deswegen das Leben nahm. Im Karneval lockt sie Alfonso maskiert in ihr Haus, wo Simone ihre Rache vollziehen und den Verführer töten soll. Dabei bricht ihre unterdrückte Liebe zu Alfonso hervor. Nach wechselseitigen Liebesschwüren verhindert Violanta die Ermordung des Geliebten, indem sie sich selbst in den Dolch des Gatten wirft.

Das Libretto zur 1916 uraufgeführten Oper „Violanta“ webt in diese Handlung Nietzsches Lesart der Renaissance als Versuch der Befreiung von den Fesseln christlicher Sittenmoral und Freuds psychoanalytische Suche nach dem Unbewussten ein. Der seinerzeit 17-jährige, frühreife Erich Wolfgang Korngold hat dazu in üppigster Instrumentation einen Klangrausch entworfen, in dem es fortwährend glitzert und funkelt, dessen Harmonik mit ihren chromatischen Windungen und inflationär eingesetzten übermäßigen Akkorden aber schnell ermüdet, zumal Donald Runnicles die Partitur recht robust anpackt. Dabei geraten die stark geforderten Sängerinnen und Sänger akustisch mitunter ins Hintertreffen. Laura Wildes jugendlich-dramatischer Sopran passt gleichwohl gut zur Titelpartie. Mihailsw Culpajevs geht die unbequem hoch gesetzte Partie des Verführers unerschrocken mit einer Mischung aus Operetten- und Heldentenor an. Den sittenstrengen Gatten gibt Ólafur Sigurdarson mit angerautem Bassbariton allzu grobschlächtig.

Ursprünglich Teil eines Doppelabends mit dem Lustspiel „Der Ring des Polykrates“, wird der Einakter in Berlin mit Lautenmusik von John Dowland und dem ersten der drei Orchesterstücke von Alban Berg kombiniert. Der geringe Ertrag dieser Zutaten ist, dass damit Spielfilmlänge erreicht wird.

Die Regie von David Hermann nimmt die tiefenpsychologische Grundierung des Textes auf und zeigt die einzelnen Szenen als Reise in das Unterbewusstsein Violantas. Jo Schramm hat dafür ein Bühnenbild entworfen, welches die Hauptattraktion des Abends ist. Zu Beginn ist nur eine angeschrägte Scheibe als Spielfläche zu sehen. Sie erweist sich als Kopf einer überdimensionalen Schraube, welche aus einer abschüssigen Abfolge spiralförmig angeordneter kleiner Räume zusammengesetzt ist. Während das Gewinde sich nach oben schraubt, beschreiten Violanta und Alfonso Raum um Raum und dringen dadurch immer tiefer in psychische Abgründe ein. So begegnen sie Nerina in Gestalt einer Wasserleiche, einer zum Hausmütterchen gealterten Version Violantas und einer Marienerscheinung, unter deren Gewand sechs Brüste zum Vorschein kommen – unter der züchtigen Fassade lauert die Lust. Am Ende schießt Simone auf seine ungetreue Gattin. Diese aber hält unverletzt die Patrone triumphierend in der Hand: Sie hat sich aus den Zwängen ihrer Ehe befreit.

Das ist schlau, sogar ein wenig überschlau ausgetüftelt, kann aber manche Gespreiztheit des Librettos und den anstrengenden Dauer-Expressionismus der Musik nicht überspielen. Diese Fin-de-Siècle-Ausgrabung wird anders als „Die tote Stadt“ sicher nicht den Weg ins Repertoire finden.

Dr. Michael Demel

„Violanta“ (1916) // Oper von Erich Wolfgang Korngold, ergänzt um Kompositionen von John Dowland und Alban Berg

Infos und Termine auf der Website der Deutschen Oper Berlin