Staatstheater am Gärtnerplatz • Fürst Igor Roland Schwab fragt nach der Bedeutung von Heldentum – und will zu viel
Im Jahr 2026 Alexander Borodins „Fürst Igor“ auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung. Nicht nur, weil es bedeutet, fast genau vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine eine Oper über einen russischen Feldherren zu zeigen, sondern auch, weil die Oper als ‚unvollendbar‘ gilt. Als der Chemiker und Komponist Borodin nach achtzehn Jahren Arbeit am „Igor“ starb, hinterließ er ein Fragment, dass von seinen Komponistenkollegen Nikolai Rimski-Korsakov und Alexander Glasunow nach bestem Wissen und Gewissen vervollständigt wurde. Eine allgemeingültige Fassung? Fehlanzeige.
Inspiriert von der Zusammenarbeit der drei Komponisten verlegt Regisseur Roland Schwab die Handlung der Oper in Borodins Arbeitszimmer (Bühne: Piero Vinciguerra; Kostüm: Renée Listerdal) und inszeniert Borodins Kampf mit dem eigenen Werk. Schauspieler Dieter Fernengel ist als Borodin die eigentliche Hauptperson des Abends, neben Vladimir Pavic und Tobias Kartmann als Rimski-Korsakov und Glasunow. Die titelgebende Figur der Oper – der von Matija Meić mit donnerndem Bariton gestaltete Fürst Igor – rückt dem gegenüber in den Hintergrund – schade, will Schwab anhand der Figur fragen, was Heldentum bedeutet. Doch die Schlüsselszene im zweiten Akt, in der Igor als Gefangener Fluchtangebot und Verbündung zugunsten des Traums vom Heldentum ausschlägt, wird überlagert von Karl Alfred Schreiners fulminanter Choreographie der Polowetzer Tänze – und Borodins Tod auf dem Faschingsball, mit dem Schwab die Tänze überschreibt.
Den Fokus auf die Folgen von Krieg und Aggression findet Schwab erst im letzten Bild. Zuvor gerät die Darstellung der Herrschaft Galitzkys (Timos Sirlantzis tut, was er am besten kann: abgrundtief böse sein) etwas zu sehr zur Sexparty. Die explizit gezeigte sexualisierte Gewalt wird zum Symbol für die Tyrannenhaftigkeit Galitzkys. Dann sieht man Ruinen, Zitate von Frauen aus der heutigen Ukraine werden eingeblendet: über Zerstörung, Leid, sexualisierte Gewalt. In dieses Bild kehrt Igor heim und will direkt wieder in den Krieg ziehen. Hier bricht Schwab die Oper ab: Statt des Jubelchores erklingt ein Trauerlied, gesungen von der Ausnahme-Altistin Monika Jägerová, begleitet am Klavier vom wiederauferstandenen Borodin. So eindrucksvoll das Ende ist, die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Heldentum sowie mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Oper – vom Versuch einer Nationaloper zum Propagandawerk – bleibt oberflächlich.
Musikalisch ist die Aufführung ein Triumph. Das Orchester unter Rubén Dubrovsky glänzt, die Darstellenden ebenso. Von den bislang nicht genannten ist vor allem Oksana Sekarina als Igors Frau Jaroslawna hervorzuheben. Auch Arthur Espiritu als Igors Sohn Wladimir strahlt neben Monika Jägerová als Khan-Tochter, Leventé Páll überzeugt als Khan. Die Inszenierung bezieht Position, doch hätte man sich eine tiefere Botschaft gewünscht als die simple Kriegsablehnung. In diesem Punkt sollte sich eine Gesellschaft sowieso einig sein.
Adele Bernhard
„Fürst Igor“ (1890) // Oper von Alexander Borodin
