Die Welt brennt, es herrscht Krieg. In einer unwirtlichen Gegend trifft sich eine Theatergruppe. Sie will ihre kulturelle Identität gegenüber den Invasoren bewahren und ein entsprechendes Stück aufführen. Das Thema: die Lebensgeschichte von Buddha, der als privilegierter Prinz Gautami zur Welt kam und sich zum Asketen und Schöpfer einer Friedenslehre, Edler Achtfacher Pfad genannt, entwickelte. Sie zielt darauf ab, Gier, Hass und andere menschliche Schwächen zu überwinden. Doch sie bleibt eine Utopie. Feindliche Angriffe stören immer wieder die Darbietung, am Ende scheinen Bomben vom Himmel herabzufallen und es wird dunkel.

Dieses Horrorszenario beschließt die Oper „Awakening“ von Param Vir, ein Auftragswerk des Theaters Bonn im Rahmen der preisgekrönten Reihe „Fokus ’33“. Sie präsentiert einerseits vergessene Stücke der Nachkriegszeit und zum anderen Uraufführungen, deren Musik die Hörgewohnheiten erweitern. In „Awakening“ ist es die Synthese aus westlicher Moderne und südasiatischer Klassik, die für den Stil Virs charakteristisch ist. Mit dem Stoff beschäftigten sich der indisch-britische Komponist, geboren 1952, und sein Librettist David Rudkin über dreißig Jahre. Damals ahnten beide sicher nicht, von welch bestürzender Aktualität ihre Oper 2026 sein würde.

In der Inszenierung von Vasily Barkhatov ist der Zeitbezug schon im Bühnenbild angelegt. Zinovy Margolin hat eine Art Fabrikgelände entworfen, mit eisernen Wänden und Treppen, die auf eine Empore führen. In diesem Ambiente entwickelt Barkhatov ein eindrückliches und vielschichtiges Theater im Theater, in dem die Personen immer wieder aus ihren Rollen heraustreten und mit der Realität konfrontiert werden. Das wird auch in den Kostümen von Olga Shaishmelashvili und Arina Slobodianik sichtbar. Sie wechseln zwischen Alltagskleidung und historischen Gewändern, manche tragen auch die orangene Kluft der buddhistischen Gemeinschaft. Die Nacherzählung der Episoden aus Buddhas Leben entfaltet sich in großer Ruhe und erzeugt eine meditative Stimmung. Selbst eine Szene, in der eine junge Darstellerin von der Selbstverbrennung ihres Bruders berichtet, kommt ohne übertriebene Aktion aus.

Im Zentrum des Geschehens steht der amerikanische Bariton Cody Quattlebaum. Er geht förmlich in der Figur Buddhas auf und verleiht ihr vokale wie darstellerische Glaubwürdigkeit. Auch die kleineren Rollen sind treffend besetzt: Yannick-Muriel Noah als Ziehmutter, Katerina von Benningsen als trauernde Frau und Tae Hwan Yun als junger Philosoph seien stellvertretend genannt.

Generell ist die Aufgeschlossenheit des Bonner Ensembles samt Orchester, Kinder- und Erwachsenenchor gegenüber den anderswo nie gespielten Novitäten zu rühmen. Auch diesmal meistern alle die musikalischen Herausforderungen der von Daniel Johannes Mayr souverän geleiteten „Awakening“- Produktion bravourös. Damit reiht sie sich würdig in die Erfolge von „Fokus ’33“ ein.

Karin Coper

„Awakening“ (2026) // Oper von Param Vir (Musik) und David Rudkin (Dramatische Dichtung)

Infos und Termine auf der Website des Theaters Bonn