Wiener Staatsoper • La clemenza di Tito Mozarts Opera seria konzentriert sich auf die Musik
Wünschen wir uns nicht alle gerechte, weitblickende Staatslenker, nachsichtige Unternehmer, Freunde und Familienmitglieder, die stets Milde walten lassen? Bereits vor mehr als 200 Jahren wurde die Tugend der Milde und der Umgang mit Vergeltung auf der Bühne thematisiert. „La clemenza di Tito“ ist – neben der parallel entstandenen „Zauberflöte“ – Mozarts letzte Oper. Ein Auftragswerk anlässlich der Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen, ein Huldigungsstück für ein höfisches Publikum. Immer wieder durchbrach Mozart zwar die strikten Regeln einer typischen Opera seria – er hatte längst einen Erneuerungsprozess in der Opernkomposition vollführt –, trotzdem sind viele Elemente deutlich dem Genre zuzuordnen.
So u.a. auch die Handlung: Kaiser Tito bemüht sich in seiner Amtszeit nach bestem Gewissen um Gerechtigkeit. Seine große Liebe Berenice darf er aus Staatsräson nicht heiraten, also wählt er Servilia. Diese liebt jedoch Annio. Selbstverständlich verzichtet Tito zugunsten des Paares. Parallel plant Vitellia, den Herrscher zu stürzen, und instrumentalisiert dafür Sesto, Titos besten Freund. Trotz des schweren Verrats lässt Tito Milde walten und die Aufrührer am Leben.
Die Bühne in der Wiener Staatsoper ist karg: ein Holzboden, darüber schwebt ein offenes Quadrat, über das einige Videos flimmern. Liebhaber statischer Regie freuen sich: Regisseur, Choreograf und Bühnenbildner Jan Lauwers stellt die Protagonisten auf und lässt sie dann allein. In edle Stoffe gekleidet (Kostüme: Lot Lemm) gleiten sie durch die Szenen, gelegentlich begleitet von Tänzern, die gemäß den Regeln der zeitgenössischen Tanzkunst Figuren und Tableaus formen. Emily D’Angelo wird als Sesto nicht nur stimmlich einiges abverlangt, was sie bravourös meistert, sondern auch darstellerisch, denn sie wird gnadenlos über die Bühne gewirbelt.
Da die Inszenierung unspektakulär und ganz sicher kein Aufreger ist, darf man sich ganz auf die Musik konzentrieren. Dirigent Pablo Heras-Casado beweist zwar kein außergewöhnliches Fingerspitzengefühl, führt jedoch das Orchester der Wiener Staatsoper und den Chor gleichbleibend solide durch den Abend. Katleho Mokhoabane (*1996) ist bereits im Opernstudio der Staatsoper positiv aufgefallen und darf sich nun nach seiner Rückkehr nach Wien schon in einer Titelrolle beweisen. Sein heller Tenor hat Strahlkraft und ist bestens geführt. Neben der bereits erwähnten Besetzung des Sesto hat Hanna-Elisabeth Müller als Vitellia die stärksten und überzeugendsten Momente. Florina Ilie als Servilia, Cecilia Molinari als Annio und Matheus França als Publio lassen ebenfalls positiv aufhorchen.
Die Frage am Ende lautet: Kommt die Milde des Herrschers aus dem Herzen oder spielt er nur den Gutmenschen? Immerhin wissen Vitellia und Sesto, dass sie das absolut Falsche getan haben. Das Premierenpublikum ist hochzufrieden und jubelt allen Protagonisten kurz, aber sehr heftig zu.
Susanne Dressler
„La clemenza di Tito“ (1791) // Dramma serio per musica von Wolfgang Amadeus Mozart
