„Le roi d’Ys“ von Édouard Lalo gehörte nach der Uraufführung an der Pariser Opéra-Comique 1888 mit fast 500 Aufführungen ein gutes halbes Jahrhundert zu den erfolgreichen französischen Opern. Das Libretto von Édouard Blau führt in die Stadt Ys an der bretonischen Küste. Da sie unterhalb des Meeresspiegels liegt, wird sie durch einen mächtigen Damm mit Schleusen vor den Fluten geschützt. Diese gefährdete Lage verlangt nach einem weitsichtigen Herrscher. Der König von Ys (Patrick Bolleire) versucht den Frieden durch eine Heirat seiner ältesten Tochter Margared (mit intensiver Mezzo-Bosheit: Anaïk Morel) mit dem kriegerischen Prinzen Karnac (mit vitaler Kraft: Jean-Kristof Bouton) abzusichern. Bei der Rückkehr ihres verschollenen Favoriten Mylio (mit schmetterndem Tenor: Julien Henric) verweigert sie allerdings die politisch wichtige Hochzeit mit Karnac. Aber Mylio liebt ohnehin ihre jüngere Schwester Rozenn (Lauranne Oliva). Als der König Mylio die Hand Rozenns verspricht, wenn er Karnac, der nach seiner geplatzten Hochzeit natürlich wieder in den Krieg gegen Ys zieht, besiegt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf und Margared läuft Amok. Sie fühlt sich betrogen, steigert sich in einen Racherausch und wird zur Hochverräterin. Sie weist dem besiegten Karnac den Weg zu den Schleusen, die die Stadt vor dem Untergang schützen. Dass Margered sich am Ende als Opfer in die bewusst herbeigeführten Fluten stürzt, um den Vernichtungs-Tsunami zu beenden, macht das Ganze nicht besser.

Was Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse dazu an musikalischem Seegang im Graben entfesseln, ist atemberaubend. Die gewaltig sich auftürmenden Klangwellenberge im opulent-spätromantischen Orchesterklang ziehen durchweg in Bann.

Regisseur Olivier Py und seinem Ausstatter Pierre-André Weitz gelingt dazu eine eindrucksvolle szenische Umsetzung. Hintereinander in die Tiefe der Bühne gestaffelte Well(!)blechhänger imaginieren das Wogen des Meeres, dazu gibt es mächtige Schleusentore für die Anmutung von Schiffen und diverse Arkadensegmente, ein paar exemplarische Kämpfer, die aufeinander losgehen, sowie historisierend auf die Entstehungszeit anspielende Kostüme. Das macht zum gewaltigen musikalischen auch einen starken optischen Eindruck und kompensiert das Statische in einigen Passagen vor allem des von Hendrik Haas einstudierten Chœur de l’Opéra national du Rhin.

Gesungen wird in Strasbourg durchweg großartig und mit genau dem Pathos, das die Geschichte braucht, um auch bei einem heutigen Publikum Wirkung zu entfalten. Dazu gehört dann auch – als seltsame Schlusspointe nach dem Selbstopfer Margareds und dem Abebben der verlustreichen Sturmflut – ein unvermittelt einsetzender Konfettiregen. Und stürmischer Beifall für alle.

Roberto Becker

„Le roi d’Ys“ (1888) // Oper von Édouard Lalo

Infos und Termine auf der Website der Opéra national du Rhin