Komponist Charles Wuorinen machte aus der schicksalhaften Liebe zweier Rancher im unteren Bereich der sozialen Stufenleiter kein parteiliches und mit Affekten gespicktes Melodram. Annie Proulx setzt in ihrer 1997 erschienenen Erzählung „Brokeback Mountain“ und in ihrem Libretto ein Drama der Sprachlosigkeit: Jack Twists Satz „Ich bin nicht schwul!“ findet keine Erwiderung in einer Gaypride-Floskel.

Jakob Peters-Messer hat das für seine im Großflächigen angesiedelte und dabei äußerst fein ziselierte Inszenierung am Theater Erfurt erkannt, Hermes Helfricht für die wirklich gute Leistung des Philharmonischen Orchesters Erfurt auch. So entsteht ein zutiefst beeindruckender Abend auf den schneeweißen Flächen der Hubpodeste für den symbolisch allgegenwärtigen Brokeback Mountain in Wyoming. Wuorinens Klänge sind oft wie schartiges Eis, bleiben fragmentiert und wie Gerüste, über denen die Figuren weniger zielorientiert als tastend nach Lebenssinn und -form suchen. Ennis’ Frau Alma erleichtert sich durch die Scheidung kaum. In Daniela Gerstenmeyers klarem Sopran fusionieren Statuswünsche und Frustration. Erst der verstorbene Macho-Vater Hogboy (Kakhaber Shavidze) steckt Jacks taffer Karrierefrau Lureen in einer Traumvision die Wahrheit über Jacks Veranlagung: Bei Marlene Gaßner wird Glut also verständlicherweise zu Eis.

Im Mittelpunkt stehen Bariton Mate SóIyom-Nagy als Rancher Ennis del Mar und Tenor Michael Smallwood als Rodeo-Reiter Jack Twist. Beide agieren mit packender Vokalenergie, abgründiger Introvertiertheit und körperlicher Hochspannung. Pascal Seibicke hat die Outfits der beiden mit leichter und damit unaufdringlicher Ähnlichkeit zu denen der Darsteller Heath Ledger und Jake Gyllenhaal im Kinofilm von 2005 gestaltet. Regisseur Peters-Messer folgt Proulx und der Musik, indem er zur Darstellung der beiden gegen die Umwelt, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Zweisamkeit mauernden Männer heteronormative Stereotypen zeigt. Die Accessoires der US-amerikanischen Lebensrealität werden zu Requisiten, an denen sich die Figuren festhalten müssen.

Sehr spät kommt der Opernchor auf die Bühne, wächst für Ennis mit dem Tod Jacks zu einem unerreichbaren und ihn ausstoßenden Kollektiv. Markus Baisch hat die wenigen, aber wichtigen und dabei lemurenhaften Einsätze einstudiert. Zwei Rätsel setzen Wuorinen und Proulx in ihrem Libretto: Wie außer durch Alkoholeinfluss springen Jack und Ennis über ihre Schatten und stürzen von der Kumpelschaft in die „romantische Liebesbeziehung“? Und was genau sieht Alma bei der ersten Wiederbegegnung ihres Ehemanns und seines Liebhabers?

Die überwiegend in dunklen Farben gehaltene Welt des männlichen Liebespaars und der pointierte Realismus ihrer Lebenswirklichkeit geraten erst am Ende mit Ennis’ Besuch bei Jacks Eltern (Katja Bildt und Jörg Rathmann) zur unversöhnlichen Synthese aus kantiger Verdrängung und vagem Mitgefühl. In der Raumarchitektur finden sich auch Menschen-Architekturen, deren physische Berührungen selten, dann noch immer meist verhalten und nie mit der Stärke ihrer explosiven Innenwirkungen erfolgen. Das bedeutet, dass sich SóIyom-Nagy und Smallwood häufiger mit vokaler Härte und deklamatorischer Deutlichkeit attackieren als mit physischer Zartheit. Bewegter Applaus.

Roland H. Dippel

„Brokeback Mountain“ (2014) // Oper von Charles Wuorinen

Infos und Termine auf der Website des Theaters Erfurt