Sieben Jahre nach seiner zum zeitgenössischen Klassiker gewordenen Oper „Dead Man Walking“ bezog sich der US-amerikanische Komponist Jake Heggie mit seinem Textdichter Gene Scheer auf den Dokumentarfilm „Paragraph 175“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman und das im United States Memorial Museum in Washington D.C. aufbewahrte Tagebuch von Manfred Lewin (1922-1942) für dessen Jugendliebe Gad Beck (1923-2012). Zwei Wochen nach der Erfurter Premiere von Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ kommt jetzt das Musikdrama „For a Look or a Touch“ für Kammerensemble heraus – auch als Jugendstück ab 14 Jahren mit Schulvorstellungen.

Gad war in Deutschland, als ein verhängnisvoller „Blick oder eine Berührung“ genügten, um in einem Konzentrations- oder Arbeitslager interniert zu werden und von dort nur durch den Tod oder das Kriegsende wieder herauszukommen. Er phantasiert in Erinnerungen von seinem jüdischen Liebhaber Manfred, der ihm in ikonischen Verwandlungen erscheint: als Drag Queen, als lasziver Androgyn, als Inkarnation männlicher Verführungskraft.

Stephanie Kuhlmann zeigt in ihrer Regie queeres Selbstverständnis der 1980er Jahre – etwas Glamour und selbstbewusste Accessoires in jedem Single-Appartement. Mila van Daag setzt ein realistisches Interieur: abgewetzter Sessel, Schirmstehlampe, verblichene Decken und eine ältere Küchenkombination. Hier schaffen es die beiden Männer, sinnlich und zugleich scheu zu sein.

Bariton Alessio Fortune Ejiugwo (Manfred) erobert den Raum mit der Grandezza eines Königs. Er erscheint hinter dem Projektionstransparent, artikuliert mit aufgerissener Oberkleidung und intensiven Gesten. Daniel Minetti (Gad) blüht als pädagogischer Fixstern im zweiten Teil voll auf. Es folgen das Abtauchen in Angst, Trauma und Einsamkeit. Dann Stonewall, der jähe (Selbst-)Befreiungs-Interruptus durch HIV mit Verwerfungen und Stigmatisierungen nach 1980 bis zum Fall des § 175. Doch da ist Gad ermattet, während das verführerische Erinnerungsbild Manfred strahlt wie ehedem.

Das Team geht mit Heggies Stück ziemlich frei um. Der am Klavier sitzende Dirigent Stefano Cascioli hat um dessen musikalische Sätze einen Strauß von Chansons und Schlagern gerankt – eigene Vertonungen von Rilke-Gedichten, Mischa Spolianskys „Lila Lied“, Charles Aznavours „Wie sie sagen“ und – mit liebevollem Widerspruch – „Somewhere over the Rainbow“. Für die jüngeren Generationen wird das Stück zur queeren Emanzipations-Chronik aus der Jugend ihrer Eltern und Großeltern. Die Ambivalenz zwischen Angst und explosiver Erotik, Spiel und Ernst, das Changieren zwischen männlicher Sensibilität und den provokativen Drag-Outriertheiten schaffen auch psychologische Authentizität.

Durch diese ständigen Gegenspiele wächst der Abend über Glamour-Revue, Betroffenheitsspektakel und Lehrplan-Soll hinaus. Ein jugendliches Publikum lernt viel, weil es die Nöte und Bedrängnisse queerer Männer fast in Greifweite und ohne betuliches Leisetreten wahrnimmt.

Roland H. Dippel

„For a Look or a Touch“ (2007/19) // Musikdrama von Jake Heggie mit einer szenisch-musikalischen Rahmung

Infos und Termine auf der Website des Theaters Erfurt