Volksoper Wien • Der Zarewitsch „Der Zarewitsch“ setzt auf Queer und Optik
In Kussland ist der Thronfolger traurig. Grund ist nicht der Austausch des Buchstabens R durch ein K als Bezeichnung für sein Heimatland, sondern dass Aljoscha verlassen am Wolgastrand steht, sich nach Liebe sehnt und auf einen Engel hofft, der ihm diese Sehnsucht erfüllt. Im Theater entdeckt er einen jungen Mann namens Kautschukoff, der den unerfahrenen Aljoscha mit einem glamourösen Auftritt als Sonja beeindruckt. Die Liebe wird groß, aber unmöglich. Der Tod des Vaters markiert das Ende – die Pflicht ruft.
Kenner der Operette von Franz Lehár – die Uraufführung fand 1927 statt – werden die Libretto-Veränderungen sofort identifizieren. Bei der aktuellen Produktion an der Volksoper Wien hat man den Inhalt ins 21. Jahrhundert geholt, was aber bleibt: Glücklich verläuft die Liebe nicht, egal ob zu einem Mann oder zu einer Frau. Auf der Bühne stehen Kleiderständer und die vier Protagonisten Zarewitsch, Sonja/Kautschukoff, Iwan und Mascha. Sie tragen Arbeitsmäntel, keine spektakulären Kostüme. Der Chor wartet in den Seitenlogen auf seinen Einsatz.
Seitlich auf der Bühne hantiert an einer großen Arbeitsplatte Steef de Jong, emsig unterstützt von den Sängern. Der Niederländer ist kein typischer Regisseur, er ist auch Komponist, Autor, Bühnenbildner und Performer. Sein Markenzeichen sind handgezeichnete Bilder aus Karton, die wie Pop-up-Bücher funktionieren. Mittels Projektion zaubert er auf die Leinwand oberhalb der Protagonisten ein Märchenbuch. Die Handlung wird in liebevollen und witzigen Zeichnungen visuell gespiegelt: Schablonen öffnen Türen, aus so manchem Auge fließen Tränen, Kosaken tanzen, ein kleiner roter Zug bringt die Liebenden nach Neapel, Kautschukoff verwandelt sich in Sonja. Die Sänger helfen nicht nur dem Regisseur bei der Animationsarbeit, sondern tragen auch Kulissen, deklamieren Dialoge – und singen können sie natürlich auch.
David Kerber gibt einen sentimentalen Zarewitsch mit schönem Schmelz in der Tenorstimme. Außerdem zeigt er Talent bei Einlagen wie der Simulation des Klapperns von Pferdehufen à la Monty Python. Sonja ist in der Rolle der Sängerin eine Frau, die längst ahnt, dass diese Liebe nicht lange währen kann. All dieses Wissen legt Hedwig Ritter sicher in ihren Sopran. Das Buffopaar Iwan und Mascha hat Bewegungsspielraum. Sie dürfen über die Bühne tanzen und blödeln, Martin Enenkel und Juliette Khalil beherrschen ihr Operettenhandwerk.
Bestens unterstützt wird das Ensemble aus dem Orchestergraben. Dirigent Alfred Eschwé führt das Orchester und den Chor der Volksoper routiniert, Lehár-Schmelz schwebt durch das Haus, ganz ohne Kitsch und Pathos. Das Publikum ist hochzufrieden und jubelt insbesondere de Jong zu. Operette kann eben auch einmal anders präsentiert werden – Léhars Musik ist dabei nicht zu Schaden gekommen.
Susanne Dressler
„Der Zarewitsch“ (1927) // Operette von Franz Lehár, Spielfassung und Neufassung der Dialoge von Jürgen Bauer
