Theater Münster • A Midsummer Night’s Dream Brittens „Sommernachtstraum“ schwebt auf dem richtigen Level
Nie wurde die aus der gesellschaftlichen Etikette hervorbrechende Gier nach wildem, hemmungslosem, leidenschaftlichem Sex mit derart zarter, effektvoller, vielzüngiger Detaillust in Musik gesetzt wie von dem schwulen, seine päderastischen Neigungen nicht auslebenden – und dabei zu einer lebenslangen Partnerschaft fähigen – Komponisten Benjamin Britten. Am Theater Münster dreht Regisseurin Cordula Däuper in seiner Oper „A Midsummer Night’s Dream“ jetzt den Wahrnehmungsspieß um. Sie nähert sich dem im Uraufführungsjahr 1960 fast verwegenen Kokettieren mit queeren Subtexten aus weiblicher Perspektive. Am Ende wiegen die beiden Paare Lysander und Hermia, Demetrius und Helena ihre Babys glücklich und mit nur ganz leichtem Verdruss in den Armen. Eigentlich verzichtete Britten auf alle Szenen mit Alltagsflair und -geplänkel, wobei es auch im Zauberwald mitunter recht banal hergeht.
Gerade daraus zieht die Inszenierung sanften Humor, spielerischen Reiz und etwas Drastik, aber keinen überfrachtenden Ernst. Gregor Dalal in der zentralen Partie des Handwerkers Zettel weiß mit der Stimme immer weitaus mehr auszudrücken, als das ihm verordnete Kulturbeamten-Outfit hergibt. Sophie du Vinage zeigt in ihrer Ausstattung mit sehr britischen Assoziationen die Bürgerträume von einer Hochzeit in Weiß mit neugotischer Kapelle. Aus dem Theaterkinderchor Gymnasium Paulinum kommen die Soli für die Elfen.
Däuper verabschiedet sich akzentuiert von einem früheren Menschenbild, das zwischen sozialer Fassade und inneren Abgründen zermürbt. So bleibt Elfenkönigin Titania (Marie-Dominique Ryckmanns) sogar im Sexrausch ein bisschen gouvernantenhaft und setzt dabei leuchtende Töne. Der Elfenkönig Oberon erscheint als dekorativer Geselle, ist gleichermaßen Trauvater und Waldschratt (mit betörendem Potenzial zu mehr Gefährlichkeit: Aleksandar Timotić). Thomas Halles Puck ist ein Vertrauen erweckender Supervisor ohne Gefährlichkeit. Das Rüpelspiel der Handwerker, die einer gereiften Boygroup vom Schlag Village People ähneln (viril, minimal queer, nett: Kihoon Yoo, Youn-Seong Shim, Kiyotaka Mizuno, Suhyeok Kim, Yoogeon Hyeon), setzt die „nervtötende Komödie von Pyramus und Tisbe“. Garrie Davislim als Lysander und Wioletta Hebrowska als Hermia singen Britten, als sei dieser intellektuell auffrisierter Bellini, was zu einer ganzen Reihe beglückender Höhepunkte gerät. Elisabeth Freyhoff als Helena denkt wenig über den Hochzeitstag hinaus, Johan Hyunbong Chois Demetrius ist und bleibt ein netter Junge. Dominic Barberi (Theseus) und Yixuan Zhu (Hippolyta) füllen ihre Starlet-Allüren mit der richtigen Dosis Outriertheit vor.
In den Rang des Außerordentlichen wächst diese Produktion durch das Sinfonieorchester Münster unter Golo Berg. Er lässt sich Zeit, macht aus der von Britten durch Gesten und Klangsignaturen überfütterten Oper ein magisches Wunderstück mit der Aufforderung zum genauen Zuhören. Insgesamt ein starker Theaterabend.
Roland H. Dippel
„A Midsummer Night’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“) (1960) // Oper von Benjamin Britten
