Landestheater Linz • Káťa Kabanová Janáčeks Oper gerät zum beklemmenden Porträt einer Frau ohne Ausweg
Die Bühne dreht sich, gibt Einblicke in ein Altarbild und eine Sakristei, führt vorbei an einem Betstuhl, an einem meterhohen Fresko und endet schließlich in der Krypta. In diesem Kirchenraum agieren die Protagonisten, allen voran Káťa, die ein fremdgesteuertes Leben in einer Welt voller starrer Regeln führt. Altregiemeister Peter Konwitschny entwirft eine düstere Szenerie. Káťa ist unglücklich verheiratet. Ihr Ehemann Tichon und seine Mutter verstehen die sensible Frau nicht, die keiner Erwartung entspricht. Ein Entkommen gibt es nicht, auch eine Liebesaffäre bringt keine Erlösung, sondern führt zur öffentlichen Demütigung und schließlich zu Káťas Selbstmord. Die Vorlage der dreiaktigen Oper von Leoš Janáček ist das Schauspiel „Gewitter“ von Alexander Ostrowski aus dem Jahr 1859. Janáček fand großen Gefallen an dieser Vorlage, die nicht nur die verzweifelte Frauenfigur in den Fokus rückt, sondern auch übertriebenen Standesdünkel und veraltete Moralvorstellungen thematisiert. Gemeinsam mit Dramaturg Christoph Blitt hat Konwitschny den Text für das Landestheater Linz modernisiert und ins 21. Jahrhundert übertragen, gesungen wird in deutscher Sprache.
Die für Janáček charakteristische Sprachmelodie wirkt düster und oft schroff, dann wieder geschmeidig, durchzogen von sorgfältig platzierten, leuchtenden Mini-Melodien, die wie kleine Hoffnungsfunken durch die vielfach qualvoll-melancholischen Klangflächen aufblitzen. Markus Poschner lotet Janáčeks Werk mit dem Bruckner Orchester Linz hervorragend aus.
Bevor Káťa beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen, schreibt sie mit Kreide an die Wand: „Wo wart ihr, als ich noch lebte?“ – wohl der einprägsamste Satz der gesamten Oper. Carina Tybjerg Madsen verkörpert eine stolze Katja, die ihrer nörgelnden Schwiegermutter auch einmal ins Gesicht lacht. Stimmlich transportiert die Sopranistin die Gefühlswelt ihrer Rolle eindrucksvoll. Christian Drescher in der Rolle ihres Ehemanns Tichon wirkt dagegen blasser, was jedoch auch der Ausweglosigkeit seiner Figur entspricht. Matjaž Stopinšek überzeugt als Liebhaber Boris nicht nur musikalisch, sondern darf gemeinsam mit Katja auf einem rosafarbenen Herz über der Bühne schweben. Die Geliebte erscheint ihm als Engel – ein zunächst überraschender, letztlich aber schlüssiger Regieeinfall: Diese Liebe darf nicht sein und wird so zur Illusion. Clarry Bartha trägt als strenge Schwiegermutter Kabanicha das markanteste Kostüm und überzeugt insbesondere durch ihre darstellerische Präsenz. Manuela Leonhartsberger ist als Barbara eine treue Freundin Káťas.
Konwitschny lässt seine Protagonistin nicht mit einem tödlichen Sprung in die Wolga enden, stattdessen verschwindet sie im hereinströmenden Chor und wird schließlich am Altar aufgebahrt – als ein Opfer. Mit dieser eindrucksvollen Szene endet der Abend. Das Publikum zeigt sich tief bewegt und spendet nach einem Moment erschütterter Stille begeisterten Applaus.
Susanne Dressler
„Káťa Kabanová“ (1921) // Oper von Leoš Janáček in einer deutschen Übersetzung von Christoph Blitt und Peter Konwitschny
