Theater Freiburg • Europa Eine musikdramatische Selbstbetrachtung nach Lars von Triers Film
„Die Häuser sollen nicht brennen, Bomber sollt man nicht kennen“, singt Jakob Kunath mit schlichter Stimme ganz am Ende, und begleitet sich auf der leeren Bühne selbst dazu stockend am Klavier. Der düstere, zweistündige Abend „Europa“ nach Lars von Triers gleichnamigem Film aus dem Jahr 1991 endet am Theater Freiburg mit einem Wunsch nach besseren Zeiten, den Bertolt Brecht in diesem Lied „Bitten der Kinder“ von Paul Dessau in einfache Verse gebracht hat. Die spartenübergreifende Stückentwicklung des niederländischen Regisseurs Mart Van Berckel ist nicht so zielgerichtet wie der Film, sondern mäandert auf der offenen Bühne. Auch die ausgewählte Musik von Richard Wagner bis Hanns Eisler, von Gustav Mahler bis György Ligeti öffnet eher einen weiten emotionalen Raum, als eine Szene dramatisch zu verstärken.
Im Oktober 1945 kommt der deutschstämmige Amerikaner Leopold Kessler nach Deutschland, um gegenüber den Besiegten Freundlichkeit zu zeigen. Sein Onkel verschafft ihm eine Stelle als Schlafwagen-Schaffner. Nach und nach wird Leopold von nationalsozialistischen, Werwölfen genannten Widerstandsgruppen instrumentalisiert, ehe er selbst ein Bombenattentat verübt und dabei ums Leben kommt. Selbst seine Geliebte Katharina, Tochter des Eisenbahnunternehmers Hartmann, entpuppt sich als Werwolf. Der im Film omnipräsente Zug ist auf der Theaterbühne nur zu hören. Fahrbare Wände sind mal Schachbrett, mal Fachwerkhaus (Bühne und Licht: Vera Selhorst). Bis auf Leopold Kessler, dem Jakob Kunath mit seinem kantablen Bariton Wärme verleiht, und die großartige Altistin Anja Jung als Erzählerin tragen alle Figuren weiße Kontaktlinsen. Dieser Gesellschaft ist nicht zu trauen.
Im Film ist es der Erste-Klasse-Schlafwagen, der an glanzvolle Zeiten erinnert – auf der Theaterbühne erzählen die spätromantischen Klänge, die vom Philharmonischen Orchester Freiburg unter der Leitung von Artem Lonhinov veredelt werden, von tiefen Gefühlen und wie in „Nur eine Waffe taugt“ aus Wagners „Parsifal“ auch mal vom heiligen Gral. Roberto Gionfriddo (Colonel Alexander Harris) singt die Arie und die zahlreichen Lieder von Hanns Eisler mit dramatischem, auch wendig-lakonischem Tenor und dichtem Brusthaar. Schauspielerin Stefanie Mrachacz und Sopranistin Inga Schäfer, die nicht nur mit Richard Strauss’ Lied „Morgen!“ betört, potenzieren als perfekt getimtes Duo die Attraktivität Katharinas. Inga Schäfer darf auch noch den größten theatralischen Moment des Abends genießen, wenn sie in einem riesigen Brautkleid (Kostüme: Elke von Sivers) zu „The Unanswered Question“ von Charles Ives aus der Unterbühne hochgefahren wird. Die mühelos zwischen den Rollen springenden, ungemein präzise sprechenden Henry Mayer (u.a. Onkel Kessler), Urs Peter Halter (Max und Larry Hartmann, Prüfer) mit verstörenden schwarzen Latexhandschuhen und die glatzköpfige Emma Petzet (Pater, Sekretärin) halten die Intensität des Abends hoch. Europa in Gefahr!
Georg Rudiger
„Europa“ (2026) // Eine musikdramatische Selbstbetrachtung mit „Europa“ von Lars von Trier und Niels Vørsel (Deutsch von Ulrike Syha) und Musik von Richard Wagner, Gustav Mahler, Richard Strauss, György Ligeti u.v.m.
