Trotz Vorbehalten in mitteleuropäischen Kritiken nach der Uraufführung in San Francisco 1998 erobert sich André Previns Vertonung von Tennessee Williams’ Schauspielklassiker „A Streetcar Namen Desire“ („Endstation Sehnsucht“) an deutschen Opernhäusern inzwischen eine deutliche Präsenz. Wie vor Kurzem schon das Theater Erfurt mit Charles Wuorinens „Brokeback Mountain“, liefert auch die Osnabrücker Produktion den starken Beweis, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Eigenkreationen der Opernnation USA sogar bei einer reinen Spieldauer von über 2,5 Stunden definitiv spannend bleibt.

Intendant Ulrich Mokrusch hält sich in seiner Regie weniger an den drastischen Begehrlichkeiten als an den poetischen Dimensionen um die aus Wohlstand in Armut abgestürzten Schwestern Blanche und Stella DuBois. Der sich minimalistisch ändernde Wolkenhimmel über dem armen Rand von New Orleans und die alle Figuren gegen die Protagonistin Blanche panzernde Sternenbanner-Flagge sagen mehr als tausend Worte. Timo Dentler und Okarina Peter charakterisieren, entlarven und ästhetisieren mit dem angebeulten Wohnwagen und den satten Farben der Kostüme. Diese Ausstattung drückt, bebildert Wunschdenken und desillusioniert es.

Spielform und Spielraum setzen im Ensemble fantastische Energien frei, wobei die am Premierenabend noch spürbare Achtsamkeit mit den Folgevorstellungen in einen dynamischeren Fluss übergehen sollte. GMD Christopher Lichtenstein und das Osnabrücker Symphonieorchester schaffen eine für die Solisten keineswegs vereinfachende, dafür dichte Verzahnung von Previns jazzigen Einwürfen, der spärlichen großen Ballungen sowie der Janáček- und Strauss-Reminiszenzen. Diese koloristischen Akzente werden nicht zu Ankern, wozu Previns Partitur verführen könnte. Es bleibt bei einem kargen Kontinuum der Klänge, was die Verlorenheit und Haltlosigkeit der Figuren umso plastischer macht.

Die kleinteilige Darstellung kommt den extremen Emotionsstürzen noch näher als szenische Gewalt. So prallt etwa Blanches größte Enttäuschung zusammen mit dem Gestus des nur begrenzt sensiblen Mitch, den Tenor Florian Wugk aus verräterischen Brüchen gestaltet. Bariton Jan Friedrich Eggers setzt mit hochkarätig explosiver Cholerik eine mutige Alternative zum Film-Vorgänger Marlon Brando. Susanna Edelmann gibt Blanches oft unterbelichtet vorgestellter Schwester Stella Gewicht. Hier entsteht Gutmütigkeit nicht aus Naivität, sondern ist unter Extrembedingungen hart erkämpft. Die verzweifelt exaltierte Nadia Steinhardt (Eunice) und Mark Hamman (Steve) mit brillant gesetzter Gewöhnlichkeit setzen intensive Figuren.

Wie es sein soll, gehört der Abend trotz ihrer packend starken Kolleginnen und Kollegen der Sopranistin Susann Vent-Wunderlich als Blanche. Kraft und Zerbrechlichkeit liegen nahe beisammen und kollabieren mit den Vokalsüßigkeiten des Selbstbetrugs. Vent-Wunderlich hat keine Scheu vor Extremen und Mut zur ehrlichen Unbeschönigung einer heißkalt flackernden Extrempartie, die im Elitespektrum versehrter Frauen von „Sache Makropulos“ bis „Elektra“ liegt. Previns starkes Stück flutet das Osnabrücker Raumvolumen mit unausweichlicher Beklemmung.

Roland H. Dippel

„A Streetcar Named Desire“ („Endstation Sehnsucht“) (1998) // Oper von André Previn

Infos und Termine auf der Website des Theaters Osnabrück