Staatstheater Regensburg • The Shining Wird die Stephen-King-Oper ihrer Vorlage gerecht?
Ein abgelegenes Hotel hoch oben in den Rocky Mountains. Winter, Unmengen an Schnee, eine dreiköpfige Familie auf Monate abgeschnitten von der Außenwelt. Allein sind sie nicht. Geister der blutigen Vergangenheit spuken durch das Gemäuer, und das Overlook selbst – eine bösartige paranormale Entität – ergreift immer mehr Besitz von Jack Torrance, trockener Alkoholiker mit Hang zu Gewaltausbrüchen. Das Ziel: sein Sohn Danny, „gesegnet“ mit einer Gabe – dem zweiten Gesicht, genannt „das Leuchten“ („The Shining“).
Regensburg hat sich die europäische Erstaufführung der Opernversion von Stephen Kings Romanklassiker gesichert. Das frisch zum Staatstheater gekürte Haus wuchtet das 2016 in Minnesota aus der Taufe gehobene Stück mit einer technischen Meisterleistung. Sam Madwar hat auf der Drehbühne ein überdimensionales, schreckensgeflutetes Puppenhaus wie aus dem viktorianischen Gruselkabinett konstruiert. Auf- und abfahrende Räume imaginieren dunkle Gänge, den unheilvollen Heizkeller, die psychedelisch leuchtende Bar, darüber ballen sich dunkle Wolken wie in einem expressionistischen Stummfilm. Ein naturalistisches Setting im besten Sinne, das den King’schen Horrorszenarien in der subtilen Regie von Intendant Sebastian Ritschel ein Gesicht gibt, das nie ins einfach nur Plakative kippt.
Das gerade bei diesem Autor nicht zu unterschätzende Problem: Trotz aller Finessen wirkt sein Grauen vor dem inneren Auge immer noch am verstörendsten – wird es visualisiert, verliert es so gut wie immer viel von seiner Bedrohlichkeit. Die Oper basiert auf dem Roman, nicht auf Stanley Kubricks ikonischem Film, von dem sich King scharf distanziert hat. Entsprechend konzentriert sich der Abend auf die fragile Familiendynamik von Jack, Wendy und Danny, ihre Ängste und Abgründe, mithilfe derer sich das Overlook Hotel in der bohrenden Einsamkeit langsam in die Herzen frisst. Das Libretto von Mark Campbell arrangiert das geschickt, trotzdem vermisst man die Gedankenblitze und inneren Monologe, gerade bei Danny, dessen kindliches Ausgeliefertsein hier etwas auf der Strecke bleibt.
Nichtsdestotrotz erlebt man eine Adaption auf bestem Theaterniveau. Den Boden dafür bereitet Paul Moravec (*1957), Pulitzer-Preisträger und „New Tonalist“ der US-amerikanischen Komponistenszene. Er arbeitet mit Leitmotiven, schafft suggestive Klangkulissen, lässt harschen, blankgelegten Sound auf flöten-umspielte Inseln tröstlicher Wärme prallen. In knackigen 110 Minuten arbeitet GMD Stefan Vesalka am Pult des großartigen Philharmonischen Orchesters Regensburg Musik heraus, die nicht auf Thriller-Teufel komm raus um Effekte heischt – und gerade dadurch Effekt macht.
Das spielt Bariton Carl Rumstadt in die Karten, dem man Jacks mentalen Verfall vom liebenden Vater in die aggressiv-tödliche Manie gebannt folgt. Theodora Varga als Wendy steigert sich angesichts dessen in hochdramatische Eruptionen: mal Hoffnung, dann wieder bodenlose Angst. Und Nachwuchskünstler Vitus Heumüller fasziniert mit ganz starker Präsenz als Kind, das viel zu früh zum Erwachsenwerden gezwungen wird – zerrieben zwischen den Konflikten seiner Eltern und den übersinnlichen, todbringenden Erscheinungen im Overlook. Der Shining-Gesang wird ihm vom Opernchor aus dem Off in den Mund gelegt, der als Geister-Gesellschaft beim Maskenball auch optisch in Erscheinung tritt. Gut besetzte Nebenrollen (George Kounoupias als Jacks Vorgänger Delbert Grady mit grotesker „British Attitude“ und Aubrey Allicock als Ersatz-Vater Dick Hallorann) runden eine Produktion ab, die zwar nicht die Sogkraft der Buchseiten erreicht – aber doch mehr als deutlich macht: „Dieser unmenschliche Ort macht aus Menschen Ungeheuer.“
Florian Maier
„The Shining“ (2016) // Oper von Paul Moravec (Musik) und Mark Campbell (Libretto)
Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Regensburg
