Bei Verdis Drama „Stiffelio“ gibt es ausnahmsweise keine Revolutionen, sondern es dreht sich ums Zwischenmenschliche: um ein komplexes Vater-Tochter-Verhältnis und die Frage, ob ein Geistlicher den Ehebruch der geliebten Gattin verzeihen kann. Regisseur Vasily Barkhatov findet das religiöse Sujet wichtig, obwohl es heute nicht mehr die Bedeutung von früher hat. Deshalb versetzt er das Stück von einer evangelischen Glaubensgemeinschaft Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Amischen in die Gegenwart: ohne Elektrizität und Telefon, ohne Erlaubnis von Scheidung, Fotos und Musikinstrumenten („Die Stimme ist Gottes einziges Instrument“), aber mit traditionellen Geschlechterrollen.

Während der Ouvertüre wird ein Video von Rodolfo Müller als erfolgreichem Trompeter gezeigt (optimal passend zum feinfühligen Trompeten-Solo aus dem Orchestergraben!), der sich mit einer Mafia-Braut einlässt, nach einer intimen Nacht verfolgt wird und in einer amischen Kutsche aus seinem bisherigen Leben in eine abgeschiedene, streng religiöse Gemeinde als Stiffelio – ohne sein geliebtes Trompetenspiel – flieht. Die Geschichte fünf Jahre danach wird glaubwürdig und mit viel Leben auf der Drehbühne (Christian Schmidt) präsentiert. Man bewegt sich beengt zwischen einem schlichten Schlafzimmer ins Minibad und durch die Küche zum kargen Bet-Saal. Intime Momente sind kaum möglich, da sich die Community überall im Haus des Predigers Stiffelio und seiner Ehefrau aufhält und selbst der Schwiegervater nicht vor dem ehelichen Schlafgemach Halt macht, um von Lina eindringlich Gehorsam zu verlangen. Gut werden die Konflikte herausgearbeitet, wenn sich Stankar wegen der zerstörten Familienehre zwischen religiöser Vergebung und tödlicher Rache entscheiden muss, als er an einem Sarg für den Verführer der Tochter tischlert. Ebenso ist Stiffelios Zwiespalt zwischen wütendem Betrogenen, verletztem Vertrauen und christlicher Nächstenliebe mit Verzeihen spürbar.

Während das Regiekonzept vollkommen aufgeht, rumort es im ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Jérémie Rhorer gewaltig. Der Dirigent verwechselt Spannungsaufbau und Dramatik mit fortissimo possibile und maximaler Dynamik. Zum Glück ist es ein Abend der großen Stimmen, die dem (über)lauten Orchester dagegenhalten, allen voran Luciano Ganci als Titelheld. Dessen tenorale Stimme erstrahlt mit Geschmeidigkeit, Kraft und leuchtender Höhe. Seine untreue Gattin Lina (Joyce El-Khoury) leidet mit zarten piani und tragfähigen tiefen Lagen an der Schande ihres Lebens, aber ihr Sopran ist zeitweise herb, wirkt seltsam belegt und kippt einige Male in den dramatischen hohen Ausbrüchen unsauber. Auch ihre Beicht-Szene ist von scharfen Tönen gezeichnet. Die beste Sängerleistung gelingt Franco Vassallo als Stankar, der mit optimal geführter Baritonstimme, Durchschlagskraft und herrlichem Legato berührend seinen Kummer über die schuldbeladene Tochter besingt. Der Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) überzeugt wie immer restlos und das Schlussgebet lädt zum Davonschweben ein, wenn die mafiösen Mörder Stiffelio doch noch finden und kaltblütig erstechen.

Susanne Lukas

„Stiffelio“ (1850) // Dramma lirico von Giuseppe Verdi

Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien