Menschen haben keine Namen, sondern Nummern. Gefühle und Träume gelten als Krankheiten, ein „Wohltäter“ hat die absolute Macht im Staat. Klingt nach George Orwell oder Aldous Huxley. Grundlage der Opern-Uraufführung „WE (WIR)“ ist der 1920 fertiggestellte Roman „Мы“ („Wir“) des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin, ein Vorläufer der bekannteren Werke „1984“ und „Schöne neue Welt“. Für die Oper Dortmund hat Komponistin Sarah Nemtsov (*1980) daraus jetzt eine neue, aufwändige Oper geschaffen.

Das Publikum sitzt auf der Bühne des Opernhauses und sieht sich selbst im Spiegel. Dann wird dieser durchsichtig. Im Parkett stehen Menschen, alle gleich gekleidet in dunklen Kapuzenanzügen mit Masken vor den Gesichtern. Im Geeinten Staat gibt es keine Individualität, jeder hat den gleichen Tagesablauf. Liebe, Träume, alle Emotionen gelten als psychische Krankheiten. Diese Lebensweise will der „Geeinte Staat“ nun ins Weltall exportieren, mit einem Raumschiff namens „Integral“. Wie alle anderen besitzt auch deren Ingenieur keinen Namen, nur eine Nummer: D-503.

Romantische Melodien haben keinen Platz in einer Welt, die Gefühle systematisch unterdrückt. Nemtsovs vibrierende Klangflächen verändern sich immer wieder subtil, die Gesangslinien wirken zunächst monoton und bekommen langsam Farben und Schattierungen. Denn D-503 stellt das starre System immer mehr in Frage. Er trifft I-330, eine verführerische Frau im roten Kleid, die noch Kontakt zur Vergangenheit hat und den Ingenieur in ein „Altes Haus“ führt, eine Art Museum. Die Musik wird sinnlicher. D-503 entfernt sich immer mehr von seinen Arbeitskollegen und der ihm zugewiesenen Partnerin. Schließlich erkennt er, dass I-330 zum Widerstand gehört. Ihre Gruppe plant, das Raumschiff während des ersten Testflugs zu kapern.

Samjatin, der Autor der Romanvorlage, war selbst Ingenieur und hat die berühmte Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin im Jahr 1905 mit geplant. Vom glühenden Revolutionär entwickelte er sich zum skeptischen Schriftsteller. Sein Roman „Wir“ erschien in der Sowjetunion erst 1988, in den USA aber schon in den 1920er Jahren. Nemtsov stellte das Libretto für ihre Oper aus dem Roman zusammen. Die satirischen Elemente interessieren sie weniger, sie präsentiert eine dramatische Dystopie mit tödlichem Ende.

Den Herrscher des Geeinten Staats, der sich selbst „Wohltäter“ nennt, besetzt sie mit einem Countertenor. Die Stimme von David DQ Lee wird manchmal verzerrt, wie man es aus der Popmusik kennt. Es gibt einige elektronische Klangeffekte durch Synthesizer und E-Gitarre, die ein bisschen nostalgisch klingen, wie Sounds aus Science-Fiction-Filmen der 70er Jahre. „WE (WIR)“ ist eine opulente Oper für ein großes Ensemble, Chor und Orchester. Der Dortmunder Sprechchor und die Bürger*innenOper „We DO Opera!“ werden ebenfalls integriert, oft wispern, pfeifen und brummen Menschen direkt im Publikum und erweitern die Klangräume.

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr inszeniert die komplexe Geschichte eher abstrakt, mit wenig Ausstattung und ein paar Videobildern. Wer sich im Vorfeld nicht genau mit der Handlung des gut zweistündigen Stücks beschäftigt hat, dürfte große Probleme haben zu verstehen, was gerade passiert. Einige Nebenstränge hätte Nemtsov kürzen können, damit die Haupthandlung klarer hervortritt. Und generell wäre anstelle der verwendeten Originaltexte eine Libretto-Neudichtung besser gewesen.

Trotz dieser dramaturgischen Schwächen gelingt ein faszinierender Musiktheaterabend, der von herausragenden Ensembleleistungen geprägt ist. Seth Carico als D-503 und Gloria Rehm als I-330 haben nicht nur schwere Gesangspartien zu bewältigen, sie sind auch schauspielerisch grandios. Eine starke Produktion – ob dieses enorm aufwändige Stück allerdings Chancen hat, nachgespielt zu werden, ist fraglich, denn es verlangt eine Menge an Ressourcen und Energie.

Stefan Keim

„WE (WIR)“ (2026) // Oper von Sarah Nemtsov

Infos und Termine auf der Website des Theaters Dortmund