Die Münchener Biennale für Neues Musiktheater wurde besonders 1996 durch „Marco Polo“ von Tan Dun dahingehend bereichert, dass das Verhältnis zwischen Fernost und Westen reflektiert wurde. Ähnliches ließen die Vorabinformationen zur diesjährigen Uraufführung von „crypt_“ in der Muffathalle erwarten. Doch spätestens nach zehn von 70 Minuten ist klar, dass der junge japanische Komponist Yuri Umemoto und sein Librettist Gareth Mattey eine Falle ausgelegt haben. Denn nur vordergründig wird die alte japanische Geistergeschichte vom Komponisten bzw. Lautenspieler Hōichi adaptiert, den Erscheinungen längst gestorbener Adliger nächtelang in eine Gruft locken und denen er nur um einen hohen Preis entkommt. Angekündigt war auch, dass diese Vorlage mit dem Anime-Genre in Verbindung gebracht und eine Hinterfragung heutigen Komponierens erfolgen würde.

Zu erleben ist stattdessen ein Rückgriff auf bewährte Mittel von Provokation in der Performance-Kunst. In der Inszenierung von Ivar Furre Aam sitzt das Instrumentalensemble, die Oslo Sinfonietta unter Christian Eggen, in schwarzen Gewändern im Bühnenhintergrund, teilweise verdeckt von drei Wandschirmen, die zunächst wie aus „Madama Butterfly“ entliehen wirken. Vorne steht ein junger Mann in rotem Kleid und weißem Spitzenkopftuch, das weniger fernöstlich als wie ein Versuch wirkt, mit zwei Tischdecken als Weihnachtsmann aufzutreten. Es handelt sich um den Countertenor Sean Bell, der die Rolle des Komponisten übernimmt und zunächst a-cappella, in Terzen und Quarten den Drang zu singen äußert. Hinzu kommen elektronisch verfremdete Klänge von Streicher- und Zupfinstrumenten, bis Bells Phrasen von einem Anime-Mädchen aufgegriffen werden, das mit quälend-quäkender Konservenstimme zu hören und auf den drei Schirmen zu sehen ist.

Das beherrschende Prinzip ist so etabliert und wird in endlosen Wiederholungen durchgezogen. Die Erscheinungen, verkörpert von Peyee Chen (Sopran), Mathias Monrad Møller (Tenor) und Halvor Festervoll Melien (Bariton), sind nicht geisterhaft. Mit spitzen silbernen Hüten (aus Alu?) lullen sie den Komponisten ein, er wäre „besser als Bach“. Alkoholische Exzesse und das Verhältnis zur Freundin kommen zur Sprache, wozu sich die Hüte quasi phallisch auf Hüfthöhe halten lassen. Der Komponist und das Anime-Mädchen fragen sich beim Aufschrecken von diesen Ablenkungen wiederum in unzähligen Loops, instrumental durchaus einschmeichelnd begleitet: „What if my father finds my credit-card bill?“ Da ist es konsequent, dass am Ende die Kampfansage an die Erscheinungen von der unsichtbaren Instanz des Vaters ausgeht.

Um nicht im Detail zu spoilern, sei nur verraten, dass der Komponist und das Anime-Mädchen am Ende überleben. Dass Yuri Umemoto offenlässt, ob er seine Musik weiterhin im seriösen Musiktheater oder aus Smartphone-Lautsprechern erklingen lässt, für die die Schirme auf der Bühne auch das passende Format haben, ist eigentlich die größte Provokation der Veranstaltung.

Sebastian Stauss

„crypt_“ (2026) // Musiktheater von Yuri Umemoto (Komposition, Text) und Gareth Mattey (Libretto)

Infos auf der Website der Münchener Biennale