Das größte Alleinstellungsmerkmal des Baltic Opera Festivals ist zweifellos die traditionsreiche Waldbühne von Sopot, wo die spektakulären Neuinszenierungen jedes Jahr ein erfreulich bunt gemischtes Publikum anlocken. Mit großen Titeln von Wagner, Strauss oder Puccini, denen im kommenden Jahr Webers „Freischütz“ folgen wird. Damit allein will sich der Künstlerische Leiter Tomasz Konieczny jedoch nicht begnügen, weshalb er das Angebot in den letzten Jahren um humorvolle Familien-Produktionen und Ausflüge ins zeitgenössische Musiktheater erweiterte. 

In der vierten Auflage des Festivals gesellt sich nun noch die Operette dazu. Mit der „Polnischen Hochzeit“ von Joseph Beer, die nicht nur erstmals seit Kriegsende auf polnischem Boden präsentiert wird, sondern auch erstmals in polnischer Übersetzung zu hören ist. Der Lebenslauf des Komponisten prädestiniert ihn geradezu für das Baltic Opera Festival, mit dem Konieczny nicht zuletzt auch neue Netzwerke in die Nachbarländer etablieren möchte. Beer wurde 1908 als Sohn polnisch-jüdischer Eltern im ukrainischen Chodoriw geboren, das damals noch Teil von Österreich-Ungarn war. Und natürlich schwingen auch die diversen Kriege, die seither zur Verschiebung der Grenzen führten, in der Inszenierung von Paweł Miśkiewicz stets mit. Zwar präsentiert sich der Abend in der Opera Bałtycka von Gdańsk zunächst noch als buntes Folklore-Potpourri, doch nach der Pause zeigt Miśkiewicz, dass das sogenannte Regietheater auch in Polen längst kein Fremdwort mehr ist: mit a cappella vorgetragenen melancholischen Volksliedern oder ähnlich düsterer Lyrik, was den munteren Operettenspaß zuweilen doch etwas ausbremst.

Deutlich besser funktionieren da schon die Jazz-Arrangements des Andrzej Jagodziński Trios, das sich hin und wieder mit auf die Bühne gesellen darf. Denn Beers schmissige Partitur – deren bunter Stilmix bei Dirigent Łukasz Borowicz in besten Händen ist – schielt neben ihrem folkloristischen Lokalkolorit bereits kräftig in Richtung Broadway. Ein Stück, das zwischen den Welten schwebt und musikalische Brücken baut.

Vor allem aber bietet diese Koproduktion mit der Oper Wrocław einen interessanten Blick auf eine junge polnische Sängergeneration, der Konieczny neben den internationalen Stars der Waldopern-Produktion eine eigene Plattform geben will. Als Bräutigam in spe begegnet man da etwa mit Piotr Buszewski einem Tenor, dessen geschmeidige Stimme zuletzt bereits in London, Zürich oder an der New Yorker Met zu hören war. Zusammen mit Sopranistin Monika Radecka bildet er ein wirklich bezauberndes Paar, das auf dem Weg zum Traualtar die in der Operette üblichen Verkleidungen und Intrigen hinter sich bringen muss. Tatkräftig unterstützt von Marta Wiktorzak als Verwalterin Zuza, die mit tragfähigem Mezzo keinen Zweifel daran lässt, wer auf dem gräflichen Landgut tatsächlich die Hosen anhat. Steine in den Weg gelegt werden dem jungen Glück von Jerzy Butryn und Grzegorz Sztostak, deren Buffo-Qualitäten ihnen aber trotzdem reichlich Sympathiepunkte beim Publikum bringen. Und das ist auch gut so, denn eine Renaissance der Werke von Joseph Beer ist längst mehr als überfällig.

Tobias Hell

„Polnische Hochzeit“ (1937) // Operette von Joseph Beer in einer Adaption von Daria Kubisiak und Maćko Prusak, polnische Übersetzung von Dorota Krzywicka-Kaindel