Der neue (und nur einjährige) KI-„Ring“ geht mit der „Götterdämmerung“ zu Ende. Nach dem vorzeitigen Abschied von der Valentin-Schwarz-Produktion als kostengünstige oder wenigstens kostengünstigere Notlösung konzipiert, erhielt das Projekt nur einen einzigen Probendurchlauf – völlig unzureichend für ein Experiment dieser Größenordnung. Dieser Hintergrund wird vom Publikum vollkommen ausgeblendet, das unmittelbar nach dem letzten verklungenen Ton krawallartige Buh-Orgien über das Festspielhaus ergießt. Und dennoch: Auch wenn das KI-Konzept mit all seinen Stärken und Schwächen alles andere als fertig präsentiert wurde (und es angesichts der erwähnten Umstände auch gar nicht sein konnte), die Produktion war den Versuch allemal wert.

Die KI-generierten Bilder stehen in der Regel oder allzu oft weiterhin nicht in Verbindung mit dem szenischen Geschehen. Obwohl es auch Ausnahmen gibt: Als Brünnhilde im Finale „Fliegt heim ihr Raben!“ singt, sind solche dann doch einmal in den KI-generierten Bildern zu sehen. Eine Sensibilisierung hin zu szenenbezogenen Bildern scheint also im Bereich des Möglichen zu sein. Was man zum Abschluss allzu oft erlebt, sind Bilder von Zerstörung, von Abbruchhalden oder zerstörten Wohnungen und Büros.

Da hätte man ein bisschen mehr erwartet. Wie haben sich die Bayreuther Festspiele in 150 Jahren „Ring“-Rezeptionsgeschichte verändert? Was ist in diesem langen geschichtlichen Zeitraum politisch geschehen? Das hat das Regieteam hier und da zwar etwas eingeflochten, aber man hätte es besser machen können (was Kurator Marcus Lobbes in einem Meeting mit der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. auch zugab).

Nichtsdestotrotz, als das Regieteam vor dem Schlussvorhang erscheint, wird es gnadenlos, ja regelrecht aggressiv niedergebuht. Vor vielen Jahren sagte Heiner Müller einmal im Gespräch mit dem damaligen Intendanten Gérard Mortier, dass in Bayreuth die Gewalt im Publikum sei und in Salzburg auf der Bühne. Das stimmte damals und wohl auch heute immer noch – hier werden scheinbar auch Frustrationen offenbart, die man sich ähnlich nur noch in Fußballstadien vorstellen kann …

Wie Camilla Nylund nach der „Walküre“ und dem „Siegfried“ noch eine so wunderbare Brünnhilde nachschieben kann, ist schlicht fantastisch. Sie singt hervorragend und mit großer Emphase. Klaus Florian Vogt ist wieder der kultivierte Siegfried, kein Stento-Tenor wie andere. Er interpretiert diese zentrale Partie rollengerecht und mit viel Empathie, selbst unter den eingeschränkten szenischen Bedingungen. Mika Kares gibt einen sehr guten Hagen, vor allem gesanglich. Es fehlt der Stimme und der Figur jedoch etwas an Schwärze. Michael Kupfer-Radecky ist als Gunther gut, aber nicht überwältigend, gesanglich mangelt es aber etwas an Rundung und Wärme. Jochen Schmeckenbecher (Alberich) war schon einmal besser zu hören. Er schlägt sich wacker, hat gegen den stimmkräftigen Mika Kares aber wenig Chancen zu reüssieren. Magdalena Hinterdobler ist als Gutrune unterbesetzt, ihre Stimme ist einfach zu leicht für diese Rolle. Sie gibt auch die Dritte Norn. Hervorragend singen hingegen Christa Mayer als Waltraute und Anna Kissjudit als Erste Norn. Alle weiteren Rollen sind sehr gut besetzt.

Der Star des Abends ist natürlich das Festspielorchester unter Christian Thielemann. Sie können einen einsamen Triumph feiern und erhalten mit den Sängerinnen und Sängern immerhin 16 Minuten Applaus.

Dr. Klaus Billand

„Götterdämmerung“ (1876) // Dritter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Bayreuther Festspiele