Aus der ungeliebten Trinkhalle zogen die Rossini-Festspiele in diesem Jahr wieder in den Kursaal des Bad Wildbader Kurhauses um. Dieses 1910 eröffnete Gebäude strahlt zwar eine schöne, nostalgische Atmosphäre aus, eine beschränkte Sicht aufgrund der kaum ansteigenden Sitzreihen und die hier ebenfalls sehr „laute“ Akustik sind allerdings weiterhin nicht gelöste Probleme. Und mehr als in früheren Jahren fallen deutliche Lücken im Zuschauerraum auf.

Solche allgemeinen Überlegungen sind jedoch bei der Aufführung von Rossinis „La gazza ladra“ schnell vergessen. „Die diebische Elster“, von der die meisten Musikfreunde wohl nur die Ouvertüre kennen, klingt zunächst nach astreiner Buffa. Auseinandersetzungen zwischen Eheleuten, Szenen mit Dienerfiguren, das kennt man aus vielen komischen Werken des Komponisten. Doch dessen Bezeichnung „semiseria“ trifft es weitaus genauer. Eine Magd, die unschuldig zum Tode verurteilt wird, ein großes Liebesduett im Kerker oder Ninettas Weg zur Hinrichtung, das hat nichts Buffoneskes mehr und könnte so in jeder Opera seria stehen. Und Regisseur Jochen Schönleber sorgt auch dafür, dass die Handlung nie ins Alberne oder gar in den Klamauk umschlägt. Natürlich gibt es ein Happy End (anderes wäre bei der gewählten 1820er Fassung für Neapel mit seiner Lieto-fine-Pflicht auch gar nicht möglich), doch der Weg dahin ist überaus dramatisch.

Wie gewohnt bilden Chor und Orchester der Filharmonia Szymanowskiego Kraków unter der souveränen Leitung des unermüdlichen José Miguel Pérez-Sierra die sichere Basis für ein wiederum harmonisch zusammengestelltes Gesangsensemble. Im Zentrum steht die wunderbare Claudia Muschio als Ninetta, die mit exzellenter Technik, erlesenem Timbre und ergreifender Gestaltung eine Idealbesetzung darstellt. Ausgezeichnete und vielfach bewährte Kräfte sind Patrick Kabongo als ihr Geliebter Giannetto, Emmanuel Franco als ihr Vater Fernando und Nathanël Tavernier als lüsterner Podestà. Unbedingt im Auge behalten muss man die junge Mezzosopranistin Francesca Di Sauro, die als Pippo einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Matteo Torcaso und Gaja Vittoria Pellizzari als Gianettos Eltern kommen über den Eindruck eines hilflosen Vaters und einer überheblichen Mutter leider kaum hinaus. Drei Stipendiaten der Akademie BelCanto vervollständigen das Ensemble: Davide Zaccherini als Krämer und Präfekt, Giovanni Accardi als Diener des Podestà und Timoteo Bene Junior als Kerkermeister.

Manfred Kraft

„La gazza ladra“ („Die diebische Elster“) (1817) // Opera semiseria von Gioachino Rossini