Grand Théâtre de Genève • La Tempête Frank Martins Shakespeare-Vertonung müht sich ab
Ursprünglich hatte Frank Martin seine 1956 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper unter dem Titel „Der Sturm“ auf Deutsch komponiert. Zur Saisoneröffnung spielt man im Genfer Bâtiment des Forces Motrices unter dem neuen, aus Strasbourg gekommenen Intendanten Alain Perroux die französische Textversion von Martins Schwester Pauline (1967). Für das Bühnenbild hat sich Regisseurin Netia Jones von der Ausweichspielstätte inspirieren lassen – einem früheren Wasserkraftwerk. Deshalb befinden sich auf Prosperos Insel große Stahlkugeln, Gerüste und Hochspannungsleitungen. Statt eines Zaubermantels trägt Stéphane Degout als Prospero einen weißen Kittel. In seinen wissenschaftlichen Versuchen erzeugt er Blitze und Stürme – und steuert den Luftgeist Ariel (Joseph Chosson), der nur digital zu sehen ist (Videos: Lightmap). Trotz der auf die gebogene Rückwand projizierten Videos bietet die Bühne kaum Variationsmöglichkeiten. Ständig setzt Jones die Drehbühne in Gang – szenisch ein einziger Leerlauf. Dem „Zauber-Lustspiel“ (Comédie-féerie) fehlen bei der Premiere Leichtigkeit, Witz und Poesie. Ein mühsamer Auftakt der mit „Nouveaux mondes“ („Neue Welten“) überschriebenen Spielzeit.
Zauber gibt es nur musikalisch zu erleben, wenn zu Beginn das Orchestre de la Suisse Romande einen gedämpften, seidigen Streicherklang erzeugt und impressionistische Farben entstehen lässt. Auch im Unwetter mit Windmaschine und Donnerblech bleibt der Klangkörper unter der Leitung des Martin-Spezialisten Thierry Fischer gut ausbalanciert. Der Dirigent findet auch für die jazzartigen Passagen, die den schiffbrüchigen Hofstaat um König Alonso charakterisieren, den richtigen Groove und lässt das Orchester für die derberen Töne, wenn sich Caliban (mit Tattoos und Tiefe: Alex Rosen) mit Stephano (Christophe Gaye) und Trinculo (schön prollig: François Rougier) volllaufen lässt, effektvoll rumpeln. Schade nur, dass man das Bühnenorchester (Leitung: Arnaud Arbet) und den Chor (Leitung: Mark Biggins) einzig über die Lautsprecher hört.
Stéphane Degout singt die Partie des Prospero mit kantablen Linien und leuchtenden Farben. Die Kehrseite dieses von seinem Bruder Antonio Verbannten, der mit strenger Hand über seine Tochter Miranda (mit schlackenlosem Sopran: Catherine Trottmann) wacht und den Sklaven Caliban peinigt, bleibt in seiner Rollenzeichnung aber verborgen. Mit Christian Immler als charismatischem Gonzalo, Julien Dran als über viel lyrischen Schmelz verfügendem Liebhaber Ferdinand und Léo Vermot-Desroches als höhensicherem Intriganten Antonio sind auch die weiteren Hauptpartien ausgezeichnet besetzt.
Für das Happy End rollt Prospero eine Kabeltrommel auf und setzt mit zwei Kabelklemmen das Personal unter Strom – alle zappeln eher unmotiviert im kollektiven Elektroschock. Zumindest am Ende gelingt Netia Jones noch ein stärkeres Bild, wenn zu Prosperos Epilog, mit dem sich Shakespeare von der Theaterbühne verabschiedete, von der Bühne nur noch Schatten zu sehen sind und der Zuschauerraum heller wird. Prosperos Magie ist vorbei. Der Applaus soll ihn erlösen – und eine neue Welt entstehen.
Georg Rudiger
„La Tempête“ („Der Sturm“) (1756) // Zauber-Lustspiel von Frank Martin in der französischen Übersetzung von Pauline Martin
Infos und Termine auf der Website des Grand Théâtre de Genève
