Staatsoper Hannover • Pique Dame Ein großer Wurf mit Tschaikowskis „Pique Dame“
Mit dem ersten Ton der Ouvertüre beginnt ein außergewöhnlich faszinierender Opernabend, der das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Die immensen Herausforderungen von Tschaikowskis vielschichtigem Seelen- und Gesellschaftsdrama „Pique Dame“ gestaltet ein Ensemble, das als Glücksfall gelten darf. Allein, wie das Orchester unter seinem neuen GMD Francesco Angelico differenziert die verschiedenen Klangebenen der Partitur von kammermusikalischer Durchsichtigkeit bis zur aufrauschenden Forte-Dramatik gestaltet, ist eine Klasse für sich.
Herausragend singend und spielend agiert Tenor Xavier Moreno fast ohne Unterbrechung über mehr als drei Stunden in der Hauptrolle des spielsüchtigen Hermann. Mit seiner Stimme trifft er in dieser in Originalsprache gesungenen Inszenierung wunderbar den besonderen Klang der russisch geprägten Gesangstradition zwischen lyrischer Weichheit, leidenschaftlichen Ausbrüchen, verzweifelter Selbsterkenntnis und an Wahnsinn grenzender Selbstentäußerung im Rausch des Glücksspiels.
Kiandra Howarth verkörpert Lisa mit der weit gespannten Variationsbreite ihres leuchtenden Soprans. Hin und her gerissen zwischen ekstatisch-leidenschaftlicher Liebe zu Hermann und Treue zu ihrem Verlobten, dem ihr bedingungslos ergebenen Fürsten Jelezki (mit warmem, biegsamem Bariton: Matteo Guerzè), kulminiert ihre Darstellungskunst schließlich im dramatischen, selbstmörderischen Entsetzen. Sie muss erkennen, dass Hermann ihre Liebe missbraucht. Nur durch sie kann er sich nämlich Lisas Großmutter, einer alten Gräfin, nähern. Diese ehemalige Femme fatale hütet das Geheimnis einer angeblich absolut sicheren Spielkarten-Reihe fürs Casino. Dieses Geheimnis will Hermann ihr entreißen, was für die alte Dame tödlich endet. Ulrike Schneider, bei der B-Premiere eingesprungen für die in der Premiere gefeierte, nun aber erkrankte 86-jährige Helen Donath, berührt tief, wenn sie sich im Rollstuhl sitzend mit leiser, frei schwingender Stimme an ihre große Zeit in Paris erinnert. Da ist es ganz still im Zuschauerraum.
Das gesamte Solo-Ensemble, der Chor (Lorenzo Da Rio) und der Kinderchor (Tatiana Bergh) sowie die Statisterie leisten ausnahmslos Großartiges. Das Gleiche gilt für das Kreativteam mit Gabriele Rupprecht (Kostüme) und Andreas Schmidt (Licht). Geradezu sensationell hat Pierre Vinciguerra das Bühnenbild gestaltet, eine in voller Breite angelegte, gigantisch ins Unendliche aufsteigende Treppe, auf der Regisseur Roland Schwab die Geschichte spielen lassen kann. Diese Treppe entfaltet einen geradezu unheimlichen optischen Sog mit zugleich starker Symbolwirkung: Leben kann aufsteigen, aber auch abstürzen. Beides lässt Schwab mit einer beeindruckenden Fülle an inszenatorischen Einfällen geschehen. Besonders aufregend wird das beim Finale mit dem geradezu surreal orgienhaft inszenierten Geldbachanal im Spielsalon. Einziges Manko dabei: Das finale Spielkarten-Duell zwischen dem Fürsten und Hermann und dessen Selbstmord wird so schnell ausgespielt, dass die unheimlichen Zusammenhänge der falschen Karte in Hermanns Hand etwas nebulös bleiben. Aber vielleicht ist das gerade gewollt. Der Staatsoper Hannover ist mit dieser Inszenierung jedenfalls ein großer Wurf gelungen.
Claus-Ulrich Heinke
„Пиковая дама“ („Pique Dame“) (1890) // Oper von Pjotr I. Tschaikowski
