Den ersten Applaus des Premierenpublikums erhält der Titelheld von „La damnation de Faust“ nach einer ungewollten Detonation während seines chemischen Versuchs – noch vor dem ersten vokalen Ton. Daraufhin folgt explosiv eine pompöse Szene der nächsten auf der verzweifelten Suche eines innerlich und äußerlich Verletzten nach sich selbst und nach einem intensiven Gefühlsrausch.

Regisseur Lorenzo Fioroni zeigt Faust auf dessen Reise mit schnellsten Ortswechseln voller Melancholie, fassungslos-erstaunt, sich endlos langweilend oder stets überfordert wirkend mit der Welt um sich. Sei es in ungarischen Kriegstagen mit fröhlicher Marschmusik, wo demonstrierende Dorfbewohner auch den Zuschauerraum okkupieren, oder bei einem lautstarken Saufgelage in Leipzig, das sogar Hauswände des Einheitsbühnenbildes (Sebastian Hannak) umstürzen lässt. Die (gar nicht unschuldig wirkende) Marguerite erscheint als Méphistophélès’ Revuegirl-Freundin in der Glitzerwelt des Teatro Imperal, wo Kamerateams „Devil’s Mama“ filmen und jede Gefühlsregung, wie auch „die Flamme der Liebe“ einer erotischen Nacht und ihre tragischen Konsequenzen, auf große Leinwände projizieren.

Der folgende bildgewaltige Höllenritt mit bombastischem Unwetter, des Teufels Kutsche und sich öffnendem Orchestergraben im Rauchnebel stellt Fausts endgültige Verdammnis eindringlich dar. Schlussendlich wird der wegen Mordes verurteilte Unterweltsengel als verlorene Seele erlöst – beobachtet von Faust und Mephisto im schwebenden Heißluftballon zu glorifizierter Himmel-Apotheose mit „Sie hat von ganzem Herzen geliebt“. Exzellente Personenführung und ein Bilderorkan erzählen affektreich das Spiel mit „Dämonen“ unserer Tage nach immer neuen Abenteuern, aber der Sinnesrausch ermüdet am Ende und nicht alle Ideen zünden verständlich.

Pavel Petrov gibt sich als Titelfigur vokal und darstellerisch gekonnt dem dumpfen Schmerz und der schweren Traurigkeit hin und schmachtet klangvoll mit zarten Piani und schönem, süßlich-romantischem Timbre. Anna Brull verleiht ihrer Marguerite einen fülligen Mezzo, leidet erhaben, aber einige hohen Töne erklingen unangenehm schrill. Mit starker Bühnenpräsenz besticht Nikita Ivasechko als verwandlungsfähiger Satan: ob mit wilder Lockenfrisur, Jeans-Overall aus den 70er Jahren, Ohrring und dämonischem Blick oder als „tröstender Geist des Lebens“ in Frauenunterwäsche, der mit lieblich-schönem Bassbariton Faust in den lüsternen Schlaf singen will. Ob er sich über fromme Gefühle lustig macht oder mit Stöckelschuhen, Frauenpelzmantel und blonder Perücke Drogen schnupft, hier agiert ein verführerischer und gefährlicher Méphistopélès mit Charme und markanten Klangfarben.

Sensationell schönstimmig besingen Chor- und Singschul’-Mitglieder kämpferische Märsche und Oratorium-ähnliche Passagen – sie müssen auch in weißen Tutus Ballettfiguren erlernen. Johannes Braun leitet das Orchester, am Bühnenende positioniert, mit einem schönen, melodischen Klangteppich und setzt auch ausdrucksstarke Dramatik-Akzente. Die erste Saisonpremiere wird lange und intensiv bejubelt.

Susanne Lukas

„La damnation de Faust“ („Fausts Verdammnis“) (Uraufführung 1846 konzertant/1893 szenisch) // Légende-dramatique von Hector Berlioz

Infos und Termine auf der Website der Oper Graz