Mozart hat kein Singspiel namens „Zaide“ geschrieben. Den Titel hat das unvollendete Stück erst bei der Uraufführung im Jahr 1866 erhalten, 85 Jahre, nachdem der Komponist die Arbeiten daran abgebrochen hatte. Überliefert sind 15 Arien, keine Ouvertüre, kein Finale und vor allem keine Sprechtexte. In den vorhandenen Nummern zeigt sich Mozart so experimentierfreudig und originell wie nie zuvor. Es gibt zwei Melodramen mit gesprochenem Text, eine Arie, bei der das Singen in auskomponiertes Lachen übergeht, und insgesamt einen farbigen Orchestersatz, der vielfach auf die Werke späterer Reife verweist. Das glänzend aufgelegte Frankfurter Opern- und Museumsorchester bringt das unter der befeuernden Leitung von George Petrou kontrastreich zur Geltung.

Die Musiker befinden sich in der abgesenkten Mitte der elliptischen Spielfläche, die Jo Schramm im Bockenheimer Depot errichtet hat und die wie eine Mischung aus Circus maximus und einer modernen Wettkampfbahn wirkt. Darauf lässt Regisseur David Hermann die Protagonisten als Sklaven des despotischen Soliman ihre Bahnen ziehen, eingespannt in zwangsjackenartige Geschirre, welche über Stäbe an einer über der Spielfläche schwebenden weiteren Ellipse befestigt sind: sinnlose, eintönige Zwangsarbeit. Der junge Gomatz beklagt dort sein Schicksal und trifft auf Zaide. Gemeinsam unternehmen sie mit der Unterstützung von Allazim einen Fluchtversuch. Dieser scheitert, das Paar wird zum Tod verurteilt. An dieser Stelle bricht die Oper ab.

Das Produktionsteam verzichtet auf die Ergänzung gesprochener Dialoge und lässt die Musiknummern für sich wirken. Dadurch wird die Grundsituation zwar plastisch, die rudimentäre Handlung bekommt aber etwas Abstraktes. Soliman wird anders als im Original nicht als „Sultan“ eingeführt, sein sexuelles Interesse an Zaide ist szenisch getilgt, ebenso die herausgehobene Rolle des Allazim als Lieblingssklave. In dieser Form erscheint das Ganze wie eine Parabel von Kafka.

Zugleich bewirkt die Reduktion eine Konzentration auf den musikalischen Kern. Hier glänzt neben dem vorzüglichen Orchester einmal mehr das Frankfurter Stamm-Ensemble. Die Sänger bieten dabei nicht bloß ein erlesenes Arienkonzert, sondern formen die jeweiligen Gefühlszustände plastisch aus. So zeigt Peter Marsh zu Beginn mit schneidend heller Stimme die kalte Brutalität des Soliman, findet Michael Porters saftiger, lyrisch grundierter Tenor für Verzweiflung, Auflehnung und Resignation des Gomatz genau abgestufte Klangfarben. Aleksander Myrlings Allazim gefällt mit der unangestrengten Höhenlage seines kraftvollen Baritons. Als Osmin beweist Pete Thanapat nicht nur Beweglichkeit in seiner Lach-Arie, sondern auch sonore Bassfülle in der aus Mozarts „Thamos“ ergänzten Arie des Oberpriesters, mit der am Schluss die Hoffnung auf ein Happy End begraben wird. Die Krone aber gebührt Karolina Bengtsson in der Titelpartie mit ihrem runden und in der Höhe leuchtenden Sopran.

Musikalisch lässt der Abend ein unterschätztes Juwel leuchten. Der Verzicht auf vervollständigende Texte ist radikal, wird aber durch die Abstraktion der Inszenierung überzeugend aufgefangen.

Dr. Michael Demel

„Zaide“ (entstanden 1779/80; posthume Uraufführung 1866) // Deutsches Singspiel (Fragment) von Wolfgang Amadeus Mozart, ergänzt durch Auszüge aus dessen Schauspielmusik „Thamos, König in Ägypten“

Infos und Termine auf der Website der Oper Frankfurt