Opéra national de Paris • Götterdämmerung Wagners „Ring“-Finale durchbricht das Zeitkontinuum
Mit einer musikalisch glanzvollen „Götterdämmerung“ ist der neue Pariser „Ring“ jetzt komplett. Die Inszenierung von Calixto Bieito punktet auch diesmal eher mit einer detailfreudigen Personenregie als dem stringenten Wurf. Vorgriffe aufs Postapokalyptische, kombiniert mit freiem Schweben zwischen den Zeiten und Welten: Das macht oft Effekt, aber nicht immer Sinn. Die Nornen sind herausgeputzt wie zu Wagners Zeiten. Die Rheintöchter kommen als Hausfrauen-Ideale der Nachkriegszeit – gut frisiert und perfekt elegant gekleidet – zum Zuge. Wenn sie im dritten Aufzug mit Siegfrieds Hilfe die Tafel, auf der er selbst der surreale Festtagsbraten wird, decken und dann mit Gasmasken von dannen ziehen, wird das Zeitkontinuum mit einem Rückgriff durchbrochen. Man könnte ihn für einen Vorgriff auf eine Katastrophe halten, die in der besonders postapokalyptischen „Walküre“ schon die Vergangenheit war.
Im großen Schlussteil der „Ring“-Tetralogie geht es vor allem um das Ende aller Hoffnungen und den Tod eines Helden. Den Funken Hoffnung auf einen Neuanfang, den Wagner komponiert hat, verweigert Bieito. Nach ihrem grandiosen Schlussgesang dreht sich Brünnhilde mit ihrem Steckenpferd Grane im Arm gedankenverloren um sich selbst und verschwindet unaufhaltsam in der Tiefe des Unortes, zu dem die leere, dunkle Bühne da längst geworden ist. Schon bei der großen Trauer um Siegfried hatte sich auf der gigantischen Videowand im Hintergrund ein Schwarzes Loch formiert, das alles, was war, ist und sein wird, verschlang, während die Gäste an dieser Tafel jeder auf seine Art dem Wahnsinn verfallen.
Die perfekt funktionierende Videowand ist ein Coup von Rebecca Ringst (Bühne) und Sarah Derendinger (Video). Sie löst den riesigen Webstuhl (der Zeit) der Nornen ab, liefert Gebirgsblick, Luxustapete und eine opulente Flut von ineinanderfließenden Kirchen, Konzert- und Opernhäusern, auf dem Zeitstrahl nach vorn und zurück. Bis es nervt. Für Siegfried ist diese helle Welt ein Schock, auf den er mit Vergessen und Verdrängen reagiert. Eine leichte Beute für die Reize der attraktiven Gutrune (Sinead Campbell Wallace) und des kühl kalkulierenden Hagen (Mika Kares).
Und doch steigen in diesem Siegfried immer mal Bilder seiner eigenen Vergangenheit auf, hat sein Körper ein besseres Gedächtnis als sein Kopf. In Hochform fügt Andreas Schager in dieser Partie seiner luxuriösen Kraftentfaltung auch leise Töne hinzu und vermag sich obendrein auch stimmlich als Gunther zu verstellen! Für ein imponierendes Gunther-Porträt nutzt Johannes Martin Kränzle nicht nur seine Muster-Eloquenz, sondern auch seine schauspielerische Exzellenz. Tamara Wilson bleibt eine selbstbewusste Brünnhilde, die ihr Rollenporträt in der Einsamkeit ihres Schlussgesangs vokal überzeugend krönt. Als Waltraute beglaubigt Eve-Maud Hubeaux mit atemberaubender Intensität im Spiel das traumatisierte Kriegsopfer. Aus ihrer Welt kommt auch Brian Mulligans Alberich. Da die Nornen, Rheintöchter und der Chor ebenfalls Erstklassiges liefern, ist diese „Götterdämmerung“ ein Fest der Stimmen.
Der Jubel für die Interpreten ist ebenso nachvollziehbar wie der für das Wagner-affine Orchestre de l’Opéra national de Paris. Pablo Heras-Casado, der 2028 in Bayreuth den neuen „Ring“ von Vasily Barkhatov dirigieren wird, beweist, dass er eine sehr gute Wahl ist.
Dr. Joachim Lange
„Götterdämmerung“ (1876) // Dritter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
Infos und Termine auf der Website der Opéra national de Paris
