Eduard-von-Winterstein-Theater (Annaberg-Buchholz) • Schmetterling Uraufführung von Daniel Behles „Schmetterling“
Mit der bereits zweiten Operetten-Uraufführung sichert Intendant Moritz Gogg seinem Haus ein hübsches Alleinstellungsmerkmal. Vor drei Jahren bewiesen der komponierende Tenor Daniel Behle und sein Mit-Librettist, der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer, dass die Operette lange noch nicht so tot ist, wie ihr gerne nachgesagt wird. Auf „Hopfen und Malz“ (über’s Bier, was auch sonst) folgt unter dem Titel „Schmetterling“ jetzt der zweite Streich des Duos, auch diesmal wieder szenisch im Bündnis mit Jasmin Solfaghari (Regie) und Walter Schütze (Ausstattung). Am Pult der Erzgebirgischen Philharmonie Aue kann deren neuer Musikdirektor Bruno Borralhinho mit einer Spezialität der besonderen Art einsteigen und die Kompetenzen des Hauses glänzen lassen.
Dank Regieteam und Dirigent laufen die Auftritte und Szenenwechsel für das ausgesprochen spielfreudige Ensemble und den Chor nicht nur mit der Präzision eines eingespielten Uhrwerkes ab. Diesmal steht sogar eine geheimnisvolle Standuhr in einem Baum als dauerpräsenter Teil der Ausstattung vorn rechts an der Rampe – auch als Symbol für gutes Timing. Am Kulissenhorizont erinnert ein Gemäuer sehr entfernt an das Festspielhaus in Bayreuth. Davor gibt es auf der Drehbühne, hinter einer Mauer mit Pforte und Grab, zwei vollgestopfte Räume. Beatrice Löffelholz führt als „Alice im Wunderland“-kompatible Uhrmacherin geheimnisvoll moderierend durch einen Abend, der als Zeitreise 1880 (also noch zu Wagners Lebzeiten) beginnt, dann in der Gegenwart 2026 Station macht und schließlich in einer fernen, dystopischen Zukunft landet, in der alles kulturfeindliche Tun von heute von einem zweifelhaften Erfolg gekrönt ist.
Im Stück dreht sich alles um die von einem Meister (na wem wohl?) hinterlassene und von dessen Enkel und amtierendem Festspieldirektor Franz (Angus Simmons) im Uhrenkasten entdeckte Opernpartitur. Die erweist sich als Goldschatz mit Pferdefuß. Denn die Tenorpartie ist so überfordernd, dass deren Interpreten ihr reihenweise wortwörtlich zum Opfer fallen, bevor sie vom Gärtner Richard (Ivaylo Guberov) und der Köchin Helga (Melina Höfflin) im Wald vergraben werden. Die Oper als Wunder und Fluch zugleich.
Das erinnert zwar durchaus an Wagners notorische Maßlosigkeit, aber die große Bayreuth-Parodie, mit der man im Vorfeld werbewirksam kokettiert hatte, ist es dann doch nicht. Die flott gereimten, immer mal kalauernden Sentenzen und Dialoge flattern dennoch geschmeidig durch den Abend. Vor allem Behles exzellent orchestrierte Melodien sind eingängig und sorgen immer für Abwechslung. Dazwischen gibt es hier einen einsamen Gralston, da einen Gruß von Tristan oder den Meistersingern aus der Ferne – doch das bleibt im Format eines Augenzwinkerns, über das man so schmunzeln kann wie über die meisten Kalauer des Textes. Auch wenn das Rheintöchter-Lallen der 1., 2. und 3. Migräne im Gespensteroutfit tatsächlich Witz hat, sind aus dem Personaltableau keine Nachfahren der lustigen Nibelungen, gezauste Sänger oder Besucher auf dem Grünen Hügel geworden.
Schwung kriegt die Geschichte in der Gegenwart (Helga ist jetzt eine klischee-typische Regisseurin von heute), wenn der Startenor Peter (Theo Rohde) seine großen, musikalisch zündenden „Ich bin Peter“-Auftritte hinlegt. Inklusive einer obligaten Affäre mit Sopran Petra (Zsófia Szabó), Peter als Operettentenor im Opernwunderland ist immerhin was. Als renommierter Wagner-Tenor selbst die diversen Klischees sozusagen mit Binnenkenntnis so wie hier auf die Schippe zu nehmen, muss man auch erstmal hinkriegen.
Nachdem das Finale im mittleren Gegenwarts-Akt das Musical touchiert, rettet der Tenor in der Zukunft, jetzt natürlich als bunter Schmetterling (sprich mit dem ererbten Werk des Meisters), die Welt aus ihrer klinisch geklonten Erstarrung und Kälte. Auch wenn man die Moral von der Geschicht’ schon vor dem Ende der Nummer verstanden hat.
Daniel Behle aber begeistert nicht nur in seinen Wagner-Rollen als Tenor auf der Bühne. Das gelingt ihm auch mit dem selbstkomponierten Operettenblick auf seine Branche. Wie jetzt in Annaberg-Buchholz, wo die Operette von heute lebt und bejubelt wird.
Dr. Joachim Lange
„Schmetterling“ (2026) // Operette von Daniel Behle
Infos und Termine auf der Website des Eduard-von-Winterstein-Theaters
