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31. Oktober 2025

Die Altmeister des Komischen

Einst viel gespielt, heute fast vergessen: Gedanken zur Geschichte des heiteren Musiktheaters

Einst viel gespielt, heute fast vergessen: Gedanken zur Geschichte des heiteren Musiktheaters

von Dietmar Langberg

Komödiendichter und Komponisten komischer Opern setzen auf das Prinzip Lachen: ein menschliches Bedürfnis und zumeist Ausdruck von Freude – worüber man lacht, das ist komisch. Allerdings besitzen Menschen sehr unterschiedlichen Humor. Die Abweichung von einer Norm wirkt komisch, ebenso die Diskrepanz zwischen dem Anspruch eines Menschen und dem nicht vorhandenen Vermögen, diesem zu entsprechen. Lachen grenzt auch aus: Die Lachenden bilden eine Gruppe, zu der sie oder er, über die gelacht wird, nicht gehört. So gesehen ist Lachen ein (a)sozialer Vorgang. Ändern sich Normen, ändert sich das Lachen. Werden Erwartungen nicht erfüllt, kann auf eine Situation nicht adäquat reagiert werden – auch das reizt zum Lachen oder sogar zu bösartigem Spott. Das Lachen kann provoziert, aber nicht immer gelenkt werden, denn es ist irrational, willkürlich und anarchisch. Das ist ein Problem für die Theaterkunst: Sie kann mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Komik anstreben, aber ob diese entsteht und angenommen wird, ist keinesfalls ­sicher.

In komischen Opern basiert die Wirkung auf dem Libretto und dessen musikalischer Umsetzung und Ausdeutung sowie auf dem Spiel der Akteure und ihrem Timing; hinzu kommen Regieeinfälle. Komische Opern sind aber mehr als nur die Abfolge heiterer Szenen und das Auftreten lustiger Personen. Es gibt Momente auch der Besinnung, der lyrischen Reflexion oder sogar der Trauer, bis sich alles positiv löst, jedenfalls für die meisten Beteiligten. Einige Verlierer bleiben immer zurück, die gute Miene zum für sie bösen Spiel machen müssen.

Charaktermasken und Singspiele

Die Geschichte des heiteren Musiktheaters begann im frühen 17. Jahrhundert in Rom und Venedig als Opera buffa. Ihre Komponisten nutzten die Typen und Charaktermasken der Commedia dell’arte und adaptierten die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der ­Opera ­seria, die sie auch persiflierten. Einer der wichtigsten und heute noch bekannten Vertreter war Giovanni ­Battista Pergolesi (1710-1736) mit seiner Oper „La ­serva padrona“. In Frankreich entwickelte sich als Pendant zur Opera buffa die Opéra comique, allerdings mit dem Unterschied, dass in gesprochenen Dialogen die Handlung vorangetrieben wurde und nicht wie in der Buffa in Rezitativen. Beide Formen inspirierten deutsche Komponisten wie Johann Adam Hiller mit z.B. „Der Teufel ist los oder Die verwandelten Weiber“ (1766) oder Georg Benda mit „Der Jahrmarkt oder Lukas und ­Bärbchen“ (1775), eigene Singspiele zu schaffen. Viele dieser Singspiele waren jedoch textlich und musikalisch simpler als ihre Vorbilder aus Italien und Frankreich, weshalb kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe das Niveau heben wollte.

Dann kam Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“, uraufgeführt am 16. Juli 1782 in Wien – und setzte damit Standards, die fortan galten, an denen die Nachfolger sich messen mussten und gemessen wurden. Das Singspiel hatte sich in seiner einfachen Form überlebt, die weitere Entwicklung vollzog sich in Richtung der komischen oder auch phantastischen Oper wie bei Louis Spohr mit „Faust“ (1816) oder Carl Maria von Webers „Freischütz“ (1821).

Drei Karrieren, eine Generation

Mit Albert Lortzing (1801-1851), Otto Nicolai (1810-1849) und Friedrich von Flotow (1812-1883) traten drei Komponisten aus einer Generation hervor, die bis heute als Hauptvertreter der komischen Oper in Deutschland gelten. Ihre Werke wurden jahrzehntelang viel gespielt, waren Kassenmagneten, unterhielten Generationen von Zuschauerinnen und Zuschauern, bereiteten ihnen Hörgenuss und brachten sie zum Lachen. Jahrzehnte später kam noch der Deutsch-Italiener Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948) hinzu (u.a. mit „Die neugierigen Frauen“). Natürlich gab es weitere Komponisten heiterer Bühnenwerke wie Hermann Goetz mit „Der Widerspenstigen Zähmung“ (1874) oder Hugo Wolf mit dem „Corregidor“ (1896), doch die drei zuerst Genannten prägten das Genre.

Steffi Lehmann (Frau Fluth) und Silke Richter (Frau Reich) in Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“, Staatsoperette Dresden 2022 (Foto Pawel Sosnowski)

Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und verschiedenen Lebensläufen schufen sie Opern mit etlichen Gemeinsamkeiten, die hier nur grob skizziert werden können. Alle drei orientierten sich an Mozart, an der Opera buffa und Opéra comique. Die Gesangsmelodik ist bei Lortzing entsprechend dem sozialen Stand der Figuren lied- oder arienhaft, hat in den kunstvollen Ensembles Konversationscharakter. Bei Nicolai, der einige Jahre in Italien lebte und wirkte, sind die Gesänge dem Belcanto, der Opera buffa und der Opera seria verpflichtet und sehr virtuos. Flotow verband liedhaften mit ariosem Ausdruck, versah die Abschlüsse mit Spitzentönen, Trillern und Koloraturen, vergleichbar mit Nicolai, der als deutscher Donizetti galt.

Die Mehrzahl der Opern von Lortzing, Nicolai und ­Flotow – es gibt allerdings Ausnahmen wie Lortzings „Regina“ oder Nicolais „Il templario“ – sind Liebesgeschichten, mit Nebenhandlungen verknüpft. Sie bilden eine Mischung aus interessanten Bühnenfiguren, die oft mehr als Typen sind, effektvollen Situationen und viel Gefühl bis hin zur Sentimentalität. Es gibt auch Momente der Besinnung, des Erschreckens und der Verunsicherung.

Gemeinsam ist den Opern der drei Komponisten das Prinzip der Nummerndramaturgie. Aber während Lortzing und Nicolai Arien, Duette, Ensembles und Chorszenen mit Ballett mit gesprochenen Dialogen wie in der Opéra comique und im Singspiel verbanden, in ihnen die Handlung entwickelten, nutzte Flotow Rezitative wie in der Opera ­buffa. Er teilte nicht die Meinung von Lortzing und Nicolai, dass die deutsche Sprache nicht ­flexibel genug für Rezitative sei.

Die Auswahl der zu vertonenden Geschichten nahmen Lortzing, Nicolai und Flotow jeweils anders vor. Für Lortzing erschienen Schauspiele, die ihre Bühnentauglichkeit bewiesen hatten, aber vom Publikum wieder vergessen worden waren, am geeignetsten, vor allem wenn sie Rollen hatten, die „selbst von geringen Theatersubjekten nicht totzumachen“ wären. Viele dieser Stücke hatte er als Darsteller kennengelernt und erprobt. Nicolai besaß einen ausgezeichneten literarischen Geschmack, seinen „Lustigen Weibern“ lag die gleichnamige Komödie von William Shakespeare zugrunde, seiner Seria „Il templario“ der Roman „Ivanhoe“ von Walter Scott. Flotow verwendete am Anfang seiner Karriere Libretti, die bereits andere Komponisten vertont und damit ihre Tauglichkeit bewiesen hatten wie „Pierre et Cathrine“, zuvor von ­Adolphe Adam musikalisiert. Später bevorzugte er Originallibretti wie zu „Alessandro ­Stradella“ und „­Martha“, die Friedrich Wilhelm Riese verfasst hatte.

In der Orchesterarbeit orientierten sich Lortzing, ­Nicolai und Flotow an Mozart, aber auch an Joseph Haydn. Lortzing und Flotow nahmen dazu Anregungen aus der Opéra comique auf. Nicolai weilte, wie bereits angemerkt, mehrere Jahre in Italien und galt dort neben Giuseppe Verdi als aufgehender Stern am Opernhimmel. Er verfügte über eine instrumentale Kunst, die ihn von den meisten anderen Opernkomponisten abhob.

Assoziationen zum Heute

So viel zu den artifiziellen Merkmalen und Vorzügen der komischen Opern aus Deutschland. Aber was können sie Interpreten und Publikum heute noch bieten? Diese Frage beantwortet sich vielleicht am besten, wenn einige konzeptionelle Ansätze für Inszenierungen zumindest angedeutet werden.

In Otto Nicolais „Lustigen Weibern von ­Windsor“ versucht der Schmarotzer Falstaff, Frau Fluth und Frau Reich sexuell und finanziell auszubeuten. Doch die Frauen wissen sich zu wehren, schlagen zurück und das mit List und Humor: eine Emanzipation von patriarchalischen Machtstrukturen, von denen sich auch Anna und Fenton befreien.

Die Leipziger Inszenierung von Lortzings „Zar und Zimmermann“ wird im kommenden Frühjahr an der Musikalischen Komödie wiederaufgenommen (Foto Kirsten Nijhof)

Lortzings „Waffenschmied“ ­inszenierte einst Peter Konwitschny in Leipzig als Gleichnis auf den Machtkompromiss zwischen Adel und Großbürgertum in Deutschland nach 1871. In „Zar und Zimmermann“ wird der Machtanspruch von ­Politikern mit dem Bürgermeister van Bett kritisiert und parodiert. Zar Peter spioniert, sein Namensvetter Peter ­Iwanow flüchtete vor dem Militärdienst in Russland. Da drängen sich Assoziationen zum Heute geradezu auf. Im „Wildschütz“ muss das junge Gretchen den älteren Schulmeister Baculus heiraten, um ihren Lebensunterhalt abzusichern. Baculus selbst ist arm, wildert deshalb und wird als Lehrer gekündigt. Es ist auch die Geschichte zweier Menschen in einer prekären Situation im Kontrast zu den Liebes-Wehwehchen von Adligen.

In Flotows „Alessandro Stradella“ wird die Titelfigur, ein historisch verbürgter Musiker und Komponist, von zwei Mördern verfolgt, die von ihrem Tötungsauftrag absehen, weil Stradellas Musik und Gesang sie berührt und umstimmt. Ist das nicht eine schöne Utopie über die Stärke von Kunst? In „Martha“ scheint für Lady Harriet nur harte Landarbeit noch ein Nervenkitzel zu sein, um die Langeweile aus einem privilegierten Leben zu vertreiben: ein Spiel mit Herkunft und gesellschaftlichen Rollen.

Und das musikalische Lustspiel „Die vier Grobiane“ von Ermanno Wolf-Ferrari? Die Geschichte handelt von vier armseligen Männern mit überholten Ansichten über Moral und Familie, die am Ende die Überlegenheit ihrer Frauen anerkennen müssen. Überhaupt sind es in vielen komischen Opern die Frauen, die klüger als ihre Männer sind, die die Fäden in den Händen halten und darauf hinarbeiten, dass vernünftige Lösungen gefunden werden für Konflikte, die keinesfalls nur aus Eitelkeiten, Missverständnissen und privaten Unglücken entstehen. Auch soziale Unterschiede liegen ihnen zugrunde, die kritisch behandelt werden.

Damit sind nur einige mögliche Ansätze für Interpretationen skizziert. Aktualisiert werden könnten die gesprochenen Dialoge, ebenso die Optik und die Ausdrucksformen des Spiels. Und noch ein Aspekt spricht für komische Opern: Sie verlangen die hohe Kunst des Zusammenspiels und Zusammensingens, das Eingehen auf die Bühnenpartnerinnen und -partner. Das kann ­erlernt und verfeinert werden.

Verkannt oder vergessen?

Die bei Regisseurinnen und Regisseuren so bevorzugten Darstellungen des Lebens als nur desaströs oder als düstere Dystopie sind mit den Opern von Lortzing, Nicolai, Flotow, Wolf-Ferrari und Co. wohl nicht ohne weiteres möglich. Liegt es vielleicht daran, dass die Bühnenwerke der Genannten nur noch selten – wenn überhaupt – zu sehen und zu hören sind? Unterschätzt man sie als biedermeierlich und daher belanglos? Hat man vergessen, dass Humor oft subversiv und doppelbödig ist? Oder ist das Vorurteil, Komik sei nur Unterhaltung, immer noch präsent? Es kann aber auch viel simpler sein, ist zu befürchten: Regisseure, Dirigenten und Dramaturgen kennen diese komischen Opern vielleicht auch einfach schlicht nicht mehr.

Neben komischen Opern steht auch die „­romantische Zauberoper“ „Undine“ auf dem Programm des Leipziger Festivals „Lortzing 26“ (hier Olga Jelínková in der Titelrolle) (Foto Kirsten Nijhof)

Der Blick in die Spielpläne der Theater zeigt, dass die einst viel gespielten Opern fast völlig fehlen. In der ­Saison 2023/24 z.B. wurde Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ immerhin in Dresden (Staats­operette), München, Wien und Wuppertal aufgeführt. ­Flotows „Martha“ konnte man in Frankfurt am Main erleben, Lortzings „Wildschütz“ und „Hans Sachs“ in Gera und in Leipzig. In der aktuellen Spielzeit, in die drei ­Jubiläen fallen – Lortzings 225. Geburtstag und 175. Todestag sowie Wolf-Ferraris 150. Geburtstag – gibt es noch weniger Inszenierungen. In Dresden und ­Augsburg sind ­Nicolais „Weiber“ angesetzt. Einzig die Oper und die Musika­lische Komödie Leipzig gedenken mit einer Fest­woche Lortzing, der hier einst seine wohl besten Lebensjahre verbrachte. Mit dem „Waffenschmied“, „Zar und Zimmer­mann“ und den selten gespielten Opern „Undine“ und „Regina“ werden im Frühjahr 2026 exemplarische Beispiele aus seinem Opernschaffen zu sehen sein.

Die Programm-Verantwortlichen sollten sich besinnen auf die Opern der Altmeister des Komischen, die nur scheinbar Patina angesetzt haben, die mit Humor, Ironie, Hintersinn, kritischem Blick und einprägsam-­mitreißender Musik überzeugen. Sie halten den Menschen auch heute noch einen Spiegel vor, denn so sehr änderten sich diese nicht. Und wenn der Blick nicht erfreut, dann sei an Gotthold Ephraim Lessing erinnert, der darauf verwies, dass das Lachen wie ein Dragee ­wirke, welches die bittere Medizin der Selbsterkenntnis süß umhüllt.

Lortzing 26

Festival der Oper Leipzig
24. April bis 3. Mai 2026
u.a. mit Premieren von „Der Waffenschmied“ und „Regina“, Wiederaufnahmen von „Undine“ und „Zar und Zimmermann“ sowie dem Symposium „Das Verhältnis von Heiterkeit und Ernst in der Oper des 19. Jahrhunderts“
lortzing.oper-leipzig.de

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer Ausgabe November/Dezember 2025

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28. Februar 2025

Gestern. Heute. Morgen?

Nora Schmids Dresdner Programmatik

Nora Schmids Dresdner Programmatik

Interview Florian Maier

2010 kam Nora Schmid als Chefdramaturgin das erste Mal nach Dresden, nach dem überraschenden Tod ihrer Chefin Ulrike Hessler 2012 trug sie als Teil der Interims-Intendanz schon einmal die Verantwortung. Heute – zehn Jahre später – setzt die 46-Jährige mit mittlerweile achtjähriger Grazer Intendanz-­Erfahrung ganz allein „die Segel“ für die Semperoper auf dem Weg in eine erfolgreiche ­Zukunft. Unter zugegebenermaßen nicht einfachen Bedingungen.

Hatten Sie schon in der Ära Hessler und der darauffolgenden Interims-Intendanz Visionen, die sich erst jetzt als „offizielle“ Nachfolgerin verwirklichen ­lassen?
Ich bin damals gemeinsam mit Ulrike Hessler nach ­Dresden gekommen – durch ihren viel zu frühen, tragischen Tod ist quasi über Nacht eine große Lücke entstanden. Da ging es dann mit unglaublichem Zusammenhalt zuallererst ums Reagieren: Wie machen wir jetzt weiter? Ich habe gemerkt, dass ich vor diesem Hintergrund mittelfristig erst einmal einen anderen Weg für mich selbst einschlagen wollte. Es war in der Vorbereitung meiner eigenen Intendanz von Vorteil, die Semperoper schon so gut zu kennen. Aber in den zehn Jahren seit meinem damaligen Abschied hat sich hier auch viel weiterentwickelt – und mir war es wichtig, jetzt „frisch“ in ein neues Kapitel zu starten.

Sie kehren an ein sehr traditionsreiches Haus zurück. Schlagen Sie programmatische Brücken zur Historie – oder gerade bewusst nicht?
Ich glaube, es braucht beides. ­Jedes Theater hat seine Wurzeln, seine ­Seele. Die gilt es zu pflegen, aber auch weiterzuführen. Die Semperoper hätte keine Tradition, wenn man sie nicht immer wieder ins Hier und Jetzt geholt hätte. Wenn Sie sich unseren ersten Spielplan ansehen, entdecken Sie Richard Strauss’ „Intermezzo“, dessen Uraufführung im vergangenen November vor exakt 100 Jahren in ­Dresden stattfand. Aber mit ­Kaija ­Saariahos „­Innocence“ von 2021 auch eine der packendsten zeitgenössischen Opern der letzten Jahre. Diese Spann­weite macht ein ausgewogenes Programm aus.

Von einer ­Zukunftsperspektive „Semper 2030“ war die Rede, als Sachsens Kulturministerin ­Barbara Klepsch 2021 Ihre Berufung bekanntgab: „Wir sehen dabei das, was heute gut ist, und denken trotzdem an das Übermorgen der Oper.“ Wie sieht denn dieses „Über­morgen“ konkret aus, das Sie ansteuern möchten?
Ich halte es für falsch zu kategorisieren: „Das ist das Gestern/das Heute/das Morgen.“ Gerade bei einem großen Repertoirebetrieb wie dem unseren läuft alles ineinander. Wir haben eine ­breite Palette an Aufführungen, die in ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden sind – manche sind 40 Jahre alt, andere noch ganz neu. Mich erinnert das manchmal an ein Museum: Wenn man eine neue Hängung plant und eine bestimmte Produktion in Kontrast zu einer anderen setzt, erlebt man womöglich auch das Altbekannte plötzlich wieder ganz „neu“. „Übermorgen der Oper“ bedeutet für mich, mit unserem Gesamtprogramm zu spielen und dabei das Publikum mitzunehmen – das ist immer ein laufender Entwicklungsprozess.

Sie haben das Ensemble der Semperoper vergrößert. Ein Bekenntnis zum genannten Repertoiretheater?
Auf jeden Fall. Instrument des Jahres 2025 ist die menschliche Stimme und wenn wir uns fragen, wovon das Musiktheater lebt, ist für mich die eindeutige Antwort der singende Mensch. Er berührt uns und steht Abend für Abend auf dieser Bühne. Natürlich ist es zentral, welche Geschichten wir erzählen – aber eben auch, mit welchen Menschen. Das Publikum baut eine Beziehung mit „seinen“ Künstlerinnen und Künstlern auf. Mir ist es dabei immer wichtig, dass verschiedene Generationen und Erfahrungslevel aufeinandertreffen. Nur so können die Mitglieder eines Ensembles voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren.

Oper „ganz nah an unserer Zeit“: Szene aus Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“, 2024 (Foto Semperoper Dresden/David Baltzer)

„Mich interessiert nur gesellschaftlich relevantes Theater“, bekannte Ihr Vorgänger Peter Theiler. Was bedeutet das für Sie?
Es gibt viele Dinge, die gesellschaftlich relevant sind. Oft werde ich aber auch gefragt, was ich unter „­modern“ verstehe. Ob beides letztlich ein und dasselbe ist? Ich weiß es nicht. Mich beschäftigt auf jeden Fall das, was uns berührt und bewegt, unabhängig von einer zwanghaft „modernen“ Ästhetik. Wenn wir noch einmal auf „­Innocence“ schauen, geht es dort um Themen wie Waffengewalt, Mobbing und Zivilcourage. Auch ­Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ ist bei aller überbordenden Fantasie ganz nah an unserer Zeit: Ein Prinz hat das Lachen verlernt, findet keine Freude am Leben, ist depressiv – in der Welt nach Corona ein riesiges Thema. Letztlich verstecken sich die Motive, die uns in unserem Menschsein umtreiben, in allen Werken der Theatergeschichte – sonst wären diese ja nie entstanden. Gutes Theater erhebt nicht den moralischen Zeigefinger, sondern ist immer eine Einladung zum Öffnen von Gedankenräumen.

Das führt uns zum Motto Ihrer ersten Spielzeit: „Stell dir vor“.
„Stell dir vor“ ist weniger Spielzeitmotto als vielmehr ein Appell an die eigene Vorstellungskraft: Lass Dich auf die Oper ein – und entdecke, was sie womöglich mit Dir selbst zu tun hat.

Ist die persönliche Ansprache per „Du“ auch ein Versuch, die Oper unverkrampfter an neue Besucherschichten heranzutragen? Und ist das eine Genera­tionenfrage?
Lustigerweise haben wir tatsächlich intern darüber diskutiert, ob wir „einfach so“ alle duzen können. (lacht) Aber es handelt sich ja eher um eine indirekte Kontaktaufnahme, auf die erfreulicherweise alle Generationen anspringen. Wir bekommen Feedback, dass unsere Besucherinnen und Besucher mittlerweile schon neugierig sind, welcher Spruch als nächstes kommt. Ravels „Das Kind und der Zauberspuk“ etwa bewerben wir mit „Stell dir vor, deine Fantasie wird Wirklichkeit“, ­Gounods „Roméo et Juliette“ mit „Stell dir vor, du darfst nicht lieben, wen du liebst“. Das sind Gedanken, die uns alle etwas angehen.

In den fast zehn Jahren Ihrer Abwesenheit hat sich das gesellschaftspolitische Klima extrem erhitzt – gerade auch in Dresden. Macht sich das für Ihr Ensemble und Sie bemerkbar – im Alltag und auf der Bühne?
Wir sind ein enorm internationales Haus mit Menschen aus fünf Kontinenten – ein richtig gutes Beispiel für ein harmonisches Miteinander, finde ich. Aber natürlich werden auch wir mit der zunehmenden Entwicklung zu einer Empörungs- und Befindlichkeitsgesellschaft konfrontiert … Das würde ich aber nicht speziell auf Sachsen beziehen, das lässt sich ja mittlerweile leider ­europa- und weltweit beobachten.

Wie reagiert man darauf – mit politischem Theater und klarer Haltung?
Wir sind Kulturschaffende und keine Parteipolitiker, aber selbstverständlich vertreten wir die Grundpfeiler der Demokratie und des Humanismus. Das sind unsere Wurzeln und für die stehen wir auch mit ganz klaren Haltungen ein.

40 Jahre „dritte“ Semperoper: Oben die Videoinstallation „SILENTIUM“ des Kollektivs OchoReSotto als „Ausrufezeichen des Erinnerns und Wachhaltens“. Unten Schlüsselübergabe auf dem Theaterplatz, 13. Februar 1985 (Fotos Semperoper Dresden/Sebastian Hoppe & Matthias Rank)

40 Jahre sind seit dem Wiederaufbau der Semperoper vergangen – das Ereignis galt damals als Symbol gegen Krieg und Zerstörung. Ist dieser Symbolcharakter in der Stadtgesellschaft heute noch präsent?
Der Wiederaufbau der Semperoper zu DDR-Zeiten ist ein unglaublich faszinierendes Thema. Genauso wie übrigens die Weihe der Frauenkirche 20 Jahre später: Das war ein Zeichen der Völkerverständigung, ein Brückenschlag zwischen Ost und West, vielleicht sogar so etwas wie ein europäischer Versöhnungsgedanke. Beides sind Jahrhundertprojekte, die als Wahrzeichen weit über Dresden hinausstrahlen. Jetzt sind die politischen Tendenzen überall gerade völlig andere … Aber ich denke, man wird sich irgendwann wieder darauf besinnen. Denn die Kraft, die von diesen Institutionen ausgeht, ist eine sehr besondere. Manchmal frage ich mich, wenn ich allein im Zuschauerraum sitze: Was würde mir dieser Raum alles erzählen, wenn er sprechen könnte?

In Zeiten mauer Kassen gerät die Kultur wieder einmal mit als erstes in den Sparfokus. Große Dresdner Kulturinstitutionen wie die Staatsoperette stehen auf der „roten Liste“ – die Semperoper auch?
Zunächst sprechen wir da von zwei verschiedenen Töpfen: Die Staatsoperette ist städtisch, wir werden vom Freistaat Sachsen finanziert. Allerdings beschränken sich die mauen Kassen nicht nur auf die Stadt. Umso wichtiger ist es, immer wieder zu zeigen, warum es uns braucht. Wir sind ein sächsischer Leuchtturm für die Welt: Die Semperoper kennt man. Als Kulturbotschafterin appelliere ich an alle Verantwortlichen, sich bewusst zu machen, dass so etwas nicht aufs Spiel ­gesetzt werden darf! Vom kulturgeschichtlichen und künstlerischen Stellenwert einmal abgesehen lässt sich das auch wirtschaftlich bekräftigen: Wir generieren enorm viele Besucherinnen und Besucher, die wegen der Semper­oper überhaupt erst nach ­Dresden kommen – und dann hier einkaufen, Cafés, Bars und Restaurants besuchen. Wir sind auch ein unglaublicher Wirtschaftsfaktor für die Stadt und die Region.

Die Semperoper hat dabei einen Spagat zu meistern: hier die Befriedigung des Touristenanspruchs, da der Wunsch, künstlerisch zukunftsfähig zu bleiben.
Naja, was heißt „Touristenanspruch“? 50 Prozent unseres Publikums ist ein überregionales, das von außerhalb Sachsens zu uns kommt. Mehrheitlich sind das wirk­liche Kulturfans. Oft klingt es aber trotzdem nach: „Die Semperoper ist wegen der Touristen eh voll.“ Es kauft sich aber jemand nur dann eine Karte, wenn das, was wir bieten, attraktiv und von hoher Qualität ist.

In den letzten Jahren steht das Berufsbild Intendanz wegen Machtmissbrauch, toxischem Arbeitsklima etc. vielerorts in der Kritik. Sie dagegen gelten als Teamplayerin. Wie schafft man es, eine solche „Worthülse“ im Alltag wirklich mit gutem Beispiel zu beglaubigen?
Indem man es jeden Tag immer wieder aufs Neue versucht. Bei der Anzahl der Prozesse, die es in so einem großen Haus zu moderieren gilt, ist das eine Herausforderung. Ich halte nichts von einer Fehlerkultur, in der man auf den Schuldigen zeigt. Es ist doch viel zielführender, darüber nachzudenken, was man beim nächsten Mal besser machen kann. Ganz abgesehen davon, dass ich viele Berufsjahre ja selbst nicht „die Chefin“ war. Wo viel gearbeitet wird, passiert immer mal wieder irgendetwas, aber die Grundfrage für uns alle ist doch: Wie möchte ich, dass man mit mir umgeht?

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer Ausgabe März/April 2025

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1. März 2024

Hören Sie ­Moniuszko!

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„Das Gespensterschloss“ – eine Einladung der Posener Oper zur konzertanten Aufführung in der Berliner Philharmonie

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„Das Gespensterschloss“ – eine Einladung der Posener Oper zur konzertanten Aufführung in der Berliner Philharmonie

Seit über 100 Jahren rühmt sich das „­Große Theater Stanisław Moniuszko“ in Posen, eine führende Opernbühne in Europa zu sein – mit dem Anspruch, zeitgenössischen Theater-­Trends zu folgen und die künstlerischen Bedürfnisse des Publikums bewusst zu gestalten. Kürzlich erfuhr das Innere des historischen Gebäudes eine umfassende Renovierung der Bühnenmechanik, Beleuchtung, Elektroakustik und Sicherheit: enorme Veränderungen im Rahmen einer zweijährigen Modernisierung. Das Posener Theater ist stolz darauf, weltweit die erste Oper zu sein, die sich mit einem immersiven L’Acoustic ­L-Isa 360 Hyperreal-Soundsystem schmücken kann, das durch ein akustisches Ambiance-System unterstützt wird.

Die Posener Oper setzt auf erstklassige, innovative Inszenierungen, was durch eine wachsende Sammlung an Auszeichnungen und Ehrungen bestätigt wird – darunter einer der wichtigsten Preise der Branche überhaupt: der International Opera Award (IOA), der zweimal in der Kategorie „Wiederentdecktes Werk“ verliehen wurde. Diesen „Opern-Oscar“ erhielt Posen für „Paria“ (2021) und „Jawnuta“ (2023). Und es ist sicher kein Zufall, dass beide Auszeichnungen Moniuszko-Werke würdigen. Sie bestätigen vielmehr den künstlerischen Weg, den Intendantin Renata Borowska-Juszczyńska konsequent verfolgt: die Förderung des Erbes von Stanisław ­Moniuszko und seines universellen Charakters.

Moniuszko im europäischen Trend

Die Förderung des Schaffens von Stanisław Moniuszko ist einer der Schwerpunkte der Posener Theaterarbeit. Moniuszko, der als einer der herausragendsten Vertreter der polnischen Oper gilt, schuf Werke, die mit moderner Ausdruckskraft überraschen. Sein Gesamtwerk – Sinfonik, Opern, Operetten und Lieder – begeistert als Kontrapunkt zur romantischen Vokalkammermusik von Schubert und Schumann das Publikum.

Moniuszko verstand es dazu perfekt, effektvollen Bezug auf polnische Folklore und Tradition zu nehmen. Nichtsdestotrotz lernte er während seines Studiums in Berlin damals vorherrschende, internationale Operntrends kennen, verbrachte drei Jahre an der Spree (1837-1840), entwickelte seine kompositorischen Fähigkeiten bei Carl Friedrich Rungenhagen, dem damaligen Direktor der Singakademie, und knüpfte Beziehungen zu ausländischen Künstlern. Er „spürte den Puls“ der Veränderungen in der musikalischen Welt Europas, die dann auch in seinen eigenen Werken ihren Niederschlag fanden.

Die Posener Oper hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk Moniuszkos im Ausland zu präsentierten, seine Einzigartigkeit zu zeigen und es im Bewusstsein des europäischen Werkkanons zu verankern. Ein wesentlicher Bestandteil der Moniuszko-Promotionsstrategie sind dabei Konzertaufführungen seiner Opern in der Berliner Philharmonie.

Posen in Berlin – Oper in der Philharmonie

Die Möglichkeit, diese Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen in Polen und dem Ausland durchzuführen, bietet eine inspirierende Konfrontation mit neuen Publikumsschichten, umfangreichen Erfahrungsaustausch und weitreichende Kontaktpflege der internationalen Musikgemeinschaft.

Im Jahr 2019 präsentierte die Posener Oper in der ­Berliner Philharmonie die polnische Nationaloper „­Halka“, ursprünglich gedacht als Auftakt einer jährlichen Reihe von Moniuszko-Opern in Berlin. Aufgrund der Pandemie kehrte das Theater allerdings erst 2023 in die Philharmonie zurück. Die erfolgreiche Konzertaufführung von „Paria“, Moniuszkos letzter und selten gespielter Oper, sorgte bei Kritik und Publikum für Begeisterung. „Im Bestreben, nicht nur seine Hits zu spielen, nahm sich das Opernhaus in Poznan ›Paria‹ vor – und entdeckte ein Meisterwerk, dessen Zeit endlich gekommen schien“ (Der Tagesspiegel). In diesem Jahr steht die Aufführung von „Das Gespensterschloss“ – einem ikonischen Werk der polnischen Oper – auf dem Programm, das durch seine Instrumentierung, sein lebhaftes Libretto und seine reichen Harmonien begeistert. In dieser neuen Berliner Konzertversion hören Sie Ruslana Koval (Hanna), Gosha Kowalinska (Jadwiga), Piotr ­Kalina (­Stefan), Stanislav Kuflyuk (Miecznik) u.a. Es singt und spielt der Chor und das Orchester des Theaters Posen unter der Leitung von Marco Guidarini.

Wie zuvor bereits „Halka“ und „Paria“ verspricht auch die Produktion von „Das Gespensterschloss“ ein außergewöhnliches Hörerlebnis, eine Hommage an die Schönheit von Musik und ein wichtiges Ereignis zur Förderung der polnischen Kultur im Europa des Jahres 2024.

Berliner Philharmonie
Montag, 22. April 2024, 19.00 Uhr
„Das Gespensterschloss“ – Stanisław Moniuszko

Konzertante Aufführung unter der Ehrenschirmherrschaft des Botschafters der Republik Polen in Berlin

Die Konzerte in der Berliner Philharmonie werden von der Posener Oper mit Unterstützung und in ­enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kultur und Nationales Erbe, dem Marschallamt der ­Woiwodschaft Großpolen, dem Adam-Mickiewicz-Institut, dem Polnischen Institut in Berlin, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Konzertdirektion Prof. Victor Hohenfels, Orlen Deutschland, Von Zanthier & Dachowski realisiert.

26. April 2022

A Matter of Honour

Liudmyla instead of Anna – the new Turandot at the Met

Liudmyla instead of Anna – the new Turandot at the Met

Liudmyla Monastyrska would not call the role of Turandot her favorite one, it not even being part of her repertoire. Nevertheless, she did not say no when Peter Gelb, the General Manager of the Met, called her personally to ask if she would “take over”. That is for Anna Netrebko, whose political strategy of cat and mouse is currently making it impossible for the most well-known opera house in the world to contract with her 

by Iris Steiner

Media attention was never the reason for her having taken up this profession. Liudmyla Monastyrska also makes a reserved impression in our Zoom interview, and despite her good knowledge of English, she allows a friend to translate for her. The fact that a Ukrainian singer, of all people, is replacing Anna Netrebko as Turandot at the Met in May increases the public pressure enormously even for this soprano who is used to success and has an international track record. All the more so since she last sang the role in public seven years ago and she admits that Puccini’s princess is not exactly her favorite role. “I just don’t understand this woman”, she says, “bitter and aggressive – thank God she finally shows feelings when Calaf kisses her.” One gets the impression that this role, for the shy and gentle-looking artist, is just as inappropriate as the situation in which she involuntarily finds herself at the moment. Monastyrska speaks to us from a living room in Warsaw, in self-imposed exile, while her parents and brother have remained in Kyiv and the two children are safe in Poland and Romania. “My whole soul is in my homeland and is very sad”, she says, “but physically I’m okay.”

Monastyrska travels all over the world, but still considers Kyiv her home. The center of her life is still there – at least it was until a few weeks ago, before Putin started bombing the country. She is in daily contact with her colleagues at the Ukrainian National Opera via Telegram and online. There are also new horror stories coming from there every day – and sometimes there is desperate hope. “Imagine the Kyiv Opera wanting to play again in April after more than a month of closure. In reality it is probably impossible, but no one there wants to give up. And as I have heard, our musicians go into subway tunnels and make music to cheer up the people there a little.” She knows the city’s cultural scene, was a member of the opera ensemble for many years, and made her stage debut there in 1996 as Tatjana in Tchaikovsky’s “Eugene Onegin” before she launched her operatic career. “Right now, all I can do is help my country by participating in benefit concerts and expressing my sense of belonging to Ukraine and by my loud protest.”

Anna and Liudmyla?

She knows that stepping in in New York for her Russian colleague Anna Netrebko, of all people, is attracting a lot of attention – and Liudmyla is grateful for the opportunity to sing this Turandot for Ukraine as well. “It is a great honor for me to be able to represent and present my country in this way.” However, she does not want to use the term “happy” because she feels too sad and angry. “In my opinion, artists who openly support the Putin system should not be given a stage. In my opinion, Anna explained her position far too late. A whole month without a statement from the number one of the opera world? That is intolerable for me.”

Are there actually parallels between Anna Netrebko and Liudmyla Monastyrska – maybe in terms of their voices? As expected, the careful question did not meet with great enthusiasm. “No, we’re not alike, not even in terms of our voices.” The answer comes promptly and harshly. “Anna is an outstanding singer with a great career and has many managers and consultants working with her. That is just not my world.” Shortly before the beginning of the war, both were alternately engaged for the role of Aida in Naples. Did you not meet there in person? “Of course I know Anna. She makes her own decisions, she is an adult. I would rather not meet with her at the moment, though.”

She does not know why Peter Gelb, General Manager of the world’s largest opera house, made a personal call to specifically choose Liudmyla Monastyrska. It can be assumed that her origins played a (political) role in this, but she remains modest and realistic, true to her nature. “Surely there would have been some very good alternatives with a Ukrainian background. I can only say that I am very proud that I was chosen.” However, we wanted to find out more about this, inquired and promptly received the following statement from Peter Gelb: “The fact that I asked Liudmyla is not because she is Ukrainian, but because I know that her expressive, dramatic voice is perfectly suited for this role – even if it is not in her current repertoire at the moment. In order to sing large Italian repertoire on the big stage of the Metropolitan Opera, a singer needs a stable and very powerful voice. Liudmyla had already proven this ‚Met suitability‘ several times before as Aida and Abigaille and sang both roles with great success at our house. The fact that she is from Ukraine is the icing on the cake. No more and no less.”

From Ukraine to the big global stages

Monastyrska made her European debut in 2010 as Tosca at the Deutsche Oper Berlin, one of her favorite roles and in which she can still be heard regularly to this day. In the years that followed, engagements as Aida and Tosca at the Opéra national de Paris and the Metropolitan Opera followed, there as well – together with Plácido Domingo in 2016 – as Abigaille in “Nabucco”. This performance was broadcast live to cinemas worldwide and was seen by 50,000 (!) visitors in a single performance in Germany and Austria. In the same year, she was heard as Aida at the Bavarian State Opera and at the Vienna State Opera under Simone Young, almost a year after her debut at the Salzburg Festival in 2015 in the new production of “Cavalleria rusticana” alongside Jonas Kaufmann. This was followed by engagements as Lady Macbeth and Abigaille at the Royal Opera House in London and at La Scala in Milan. And an Aida is on the agenda for this summer – this time in the Arena di Verona, “as far away from the war as possible”, as she puts it. “Even if it accompanies me everywhere.”

Zeffirelli’s splendid “Turandot” production of the Met – a favorite with the public since 1987 – certainly cannot heal her traumatic experience. On May 7, 2022, “Turandot” will be broadcast live in over 200 cinemas in Germany and Austria. Monastyrska calls it an important “statement engagement”, but she would generally prefer her own contracts, in which she, as she puts it, “is wanted from the start”. In this case, she knows about the effect – and tries to be pragmatic. The only time during our conversation that she seems almost cheerful. “I’ve got my work visa and hey, we’re talking about the Metropolitan Opera. It’s always a highlight to be able to sing there. So, let’s go!“

What would she like to say to a Vladimir Putin if given the chance? She is silent for a while, visibly struggling for words and composure – the answer that follows sounds well considered: “I have no words for Putin and I have been shocked for weeks. For me, he is a sick man and for us normal, peace-loving Ukrainians the situation is incomprehensible. We are in the 21st century – can you seriously just go and slaughter people?”

Dear Ms. Monastyrska, even Turandot’s icy character is changed by love. We wish for you and your country that this possibility is not confined to the opera stage.

Translated by Dagmar Hesse-Kreindler

This article is from Orpheus Magazine 03/2022, one of the leading German opera magazines since 1973.

22. Dezember 2021

dazwischenwelten

Ein Kommentar von Iris Steiner

Ein Kommentar von Iris Steiner

Wut, Ärger, Ohnmacht, Kopfschütteln … und nach fast zwei Jahren eine Art Resignation.

… weil ungehört bleibt, wenn Kulturschaffende immer wieder erklären, dass es um mehr geht als um finanzielles Überleben.
… weil die Politik trotz zahlreicher Gegenbeweise auch weiterhin unsere Kulturtempel zu Ansteckungs-Hotspots degradiert.
… weil es so aussieht, als hätten Kunst und Kultur keine Lobby in unseren hochentwickelten, reichen Ländern.

Absurde einschlägige „Fakten“ wurden hinlänglich kommuniziert – und täglich kommen neue hinzu. Die Verständigung zwischen Politik und Kultur dümpelt in hilflosen Attitüden vor sich hin. Ergebnis: sinnlose Verschwendung von Steuergeldern bei hochsubventionierten Staatsbetrieben auf der einen, massenhafte Veranstalterpleiten und Abwanderung von Fachkräften auf der anderen Seite. Dass es im Vergleich zum letzten Winter kein ausgesprochenes „Verbot“ für Kulturveranstaltungen gibt und stattdessen mit untragbaren Auflagen wirtschaftliche Unmöglichkeiten gefordert werden, macht die Sache nicht besser. Was bleibt, ist das ungläubige Erstaunen der Branche über unsere relativ beratungsresistente politische Führung, die insgesamt wenig Interesse zeigt, den großen Wirtschafts- und Standortfaktor Kreativwirtschaft angemessen durch ­diese Pandemie zu führen. Oder fehlt es einfach an einer gemeinsamen Lobby, die genügend Druck ausübt?

„Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, könnte man passenderweise Bertolt Brecht bemühen. Dazu die eine ­Frage, die uns alle umtreibt: Wann hört das endlich auf? Und immer mehr auch: Werden wir „danach“ noch die vielfältige Kultur- und Kunstlandschaft haben, die vor Kurzem für einen UNESCO-Welterbe-Titel nominiert wurde?

Seit Anfang 2020 findet Kultur in „dazwischenwelten“ statt: zwischen Planungschaos und Lockdown, zwischen Trotz und Enttäuschung, zwischen Existenzangst und Selbstzweifeln und mit der (erschreckenden!) Erkenntnis, dass wir offensichtlich zu selbstverständlich von ­einem gesellschaftlichen Konsens über die Relevanz der Kultur ausgegangen sind.

Solche „dazwischenwelten“ machen Angst und schüren Ohnmacht. Es gilt, Komfortzonen zu verlassen und ­Sicherheiten aufzugeben. Dass Kunst ohnehin nicht in erster Linie für materielle Besitzstände lebt, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Allerdings reden wir jetzt, im Jahr 2021, über eine beispiellose wirtschaftliche und seelische Perspektivlosigkeit unseres Kulturbetriebs. Ein „zwischen allen Stühlen sitzen“ mit Konsequenzen, die man durchaus hätte vermeiden können. Studien und Fachleute bemühen sich seit vielen Monaten meist erfolglos darum, von der Politik auch nur angehört zu werden. Deren einseitig beschlossene ­»Maßnahmen“ gehen viel zu oft am Thema vorbei oder sind unzureichend. Ein Schlag ins Gesicht freischaffender Künstlerinnen und Künstler, die – auf staatliche Hilfen reduziert – mehr und mehr ihren Selbstwert und den Platz in der Gesellschaft verlieren.

Aber: Es gibt auch eine andere Perspektive unserer ­„dazwischenwelten“. Müde und zermürbt stellen wir langsam fest, dass die ungeliebte Situation nicht von selbst und auch nicht durch ein Wundermittel schnell wieder verschwindet. Es bleibt: die Flucht in eine lohnenswertere ­Alternative. Wir brauchen dringend das sprichwörtlich halbvolle statt halbleere Glas, mehr Kreativität im Umgang mit unserem Alltag. Reden wir von Gestaltungsfreiheit statt Planungschaos, von Mut statt Trotz, von neuen Ideen statt Selbstzweifeln. Wo sonst lassen sich positive und wegweisende Inspirationen finden, wenn nicht in Kunst und Kultur? Und wie deutlich werden wir die Folgen dieser Degradierung hin zur reinen Freizeitgestaltung erst bemerken, wenn man ihre soziale Relevanz weiterhin ignoriert? Erfahrungsgemäß haben Unsicherheiten immer auch Raum für Neues eröffnet, Möglichkeiten zum Umdenken und Chancen für Verbesserungen geboten.

Natürlich heißt das nicht, dass ­wochen- und bundeslandweise ­geschlossene und geöffnete Theater, drohende und vollzogene ­Lockdowns, unterschiedliche Zugangsvorgaben und das damit verbundene Durcheinander irgendwie schön zu reden wären.

Auch unsere Redaktion hat leider erneut entschieden, statt einer ausführlichen Print- nur eine abgespeckte Digitalausgabe 01/2022 zu veröffentlichen. Das hat zum einen wirtschaftliche Gründe – ­mangels Planbarkeit ist das Gesamtrisiko einfach zu hoch – zum anderen durchaus auch einen gewissen „Protestcharakter“: Unsere Veranstaltungs- und Kulturwirtschaft ist in einem katastrophalen Zustand, der nicht mehr hinnehmbar ist. Wenn wir weiter so tun, als wäre alles in Ordnung, wird sich nichts ändern. Erfahrungsgemäß wird auch unser Protest – wie viele andere – übersehen und nicht weiter beachtet. Nichtsdestotrotz halten wir ihn im Sinne der Sache für alter­na­tivlos.

Iris Steiner
im Namen der „orpheus“-Redaktion

22. Dezember 2021

„Wienerisches Slowfood“ de luxe

Groissböck, Ebner, Wagner-Trenkwitz – gegen das Aussterben der Eigenarten

Groissböck, Ebner, Wagner-Trenkwitz – gegen das Aussterben der Eigenarten

Wenn ein Produkt aus Österreich „Gemischter Satz“ heißt und es sich dabei nicht um Wein handelt, lohnt sich per se ein zweiter (neugieriger) Blick. In diesem Fall heißt das neue CD-Projekt des gefeierten Bassisten Günther Groissböck tatsächlich genau so – Verwechslung ausgeschlossen, großes Erstaunen nicht. Es handelt sich nämlich um eine der berührendsten und entzückendsten Aufnahmen von Wiener Liedern der letzten Jahre.

Genauer gesagt haben sich Günther Groissböck, der Tenor Karl-Michael Ebner, langjähriges Mitglied der Volksoper Wien, sowie Österreichs prominentester Musiktheaterdramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz zusammengetan, die traditionsreiche Wiener Philharmonia Schrammeln um sich versammelt und zwei CDs voller Duette, Lieder und Mundartgedichte aufgenommen. „Vier verschiedene Lautäußerungen des Wienerischen“ nennen es die Macher treffenderweise.

Dass die mutmaßlich weinselige Projektidee von Ebner und Groissböck – man lernte sich 2020 bei der Berliner „Rosenkavalier“-Produktion von André Heller kennen und schätzen – tatsächlich im Dezember 2021 das Licht der Welt erblickt, ist der Corona-Pandemie zu verdanken, die selbst Terminkalender weltweit gefragter Solisten ins Wanken brachte.

Insgesamt 16 Sololieder und Duette finden sich auf CD 1, eine bunte Mischung aus populären und unbekannten Stücken. Günther Groissböck veredelt bekannte Gassenhauer wie „Stellt’s meine Roß in’ Stall“ oder „Mei Muatterl war a Wienerin“ mit schmeichelnd sonorem Basstimbre und besticht durch authentischen Wiener Akzent. Als ebenbürtig-passender Charaktertenor-Partner überzeugt Karl-Michael Ebner (ehemaliger Wiener Sängerknabe im Übrigen) in Duetten wie „Unser Vater is a Hausherr“ oder der patriotischen Hymne „Was Österreich is’“ von Hans Schrammel und in Solostücken. „Weil i a alter Draher bin“ ist wohl das Bekannteste davon.

Charmant im Klang und weitaus mehr als „Begleitorchester“: die Philharmonia Schrammeln. Wer hier Lust auf mehr bekommen hat, legt CD 2 ein – und hört Wiener Schrammelmusik im Originalklang: zwei Geigen, eine Klarinette in Hoch-G, eine Alt-Wiener Knöpflharmonika und eine Kontragitarre. Die Instrumentalisten der Aufnahme Johannes Tomböck, Dominik Hellsberg, Stefan Neubauer, Günter Haumer und Heinz Hromada treten in die Fußstapfen von Instrumentalisten prominenter Wiener Orchester, die seit bereits 50 Jahren das Repertoire der legendären Brüder Schrammel auf Originalinstrumenten pflegen. Titel wie „Bei Sang und Klang“ oder der „Gartenfest-Galopp“ sind zwar nur Insidern ein Begriff, in Verschiedenartigkeit und Temporeichtum laden sie aber auch „ungeübte Hörer“ dieser Musik zum Hinhören und Entdecken ein.

Apropos hinhören: Das sollte man hier sowieso ganz genau – allein aus ganz praktischen Gründen. Eine Auswahl an Mundartdichtung demonstriert der „restlichen Welt“ die Komplexität Wiener Dialekte und komplettiert die Instrumentalmusik als direkte Gegenüberstellung von musikalischer und dichterischer Sprache der Stadt. Vorgetragen in bekannt-verschmitzer und sehr wienerischer Art von Christoph Wagner-Trenkwitz, der sich als Moderator und Conférencier beim Wiener Opernball auch über Österreich hinaus einen Namen gemacht hat.

Für bekennende Wien-Fans und Exil-Wiener ist dieses musikalische Kleinod ein absolutes Muss. Allen anderen sei wärmstens empfohlen, dem vielzitierten „Wiener Schmäh“ in der bestechenden Echtheit und Originalität dieser Aufnahme nachzuspüren. Es lohnt sich!

Iris Steiner

EMPFEHLUNG

Günther Groissböck (Bass), Karl-Michael Ebner (Tenor), Christoph Wagner-Trenkwitz (Rezitation) und Philharmonia Schrammeln: „Gemischter Satz“
2 CDs, Gramola

28. Februar 2021

#opergehtbaden. Kein Hygienekonzept und keine noch so beruhigende Statistik ist in der Lage, unsere Theater vor dem Endlos-Shutdown zu retten. Ist Kultur systemrelevant? Leider nein, solange man Spaßbäder, Fitnessstudios und Opernhäuser in einen Topf wirft und zu bloßer „Freizeitgestaltung“ demontiert. Diese Pandemie-Krise legt den Finger in die Wunde: Welchen Stellenwert geben wir unserer Kultur, welche Funktion? Ein Armutszeugnis …

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

schweren Herzens haben wir uns entschieden, auch das Heft 02/2021 (März/April) nur digital zu veröffentlichen. Gerade mir als bekennender Printmagazin-Leserin fällt es immer wieder schwer, auf das Gefühl verzichten zu müssen, eine druckfrische Zeitschrift in Händen zu halten. Aber die Erfahrung aus dem Januar hat gezeigt, dass Sie unser Angebot sehr gerne annehmen. Ihre positiven Reaktionen haben mich und uns eines Besseren belehrt: Sie mögen auch den Online-„orpheus“ – zumindest, solange es nicht anders geht. 

Vielen Dank für den tollen Zuspruch. 

Auch diesmal haben wir uns bemüht, Sie Lockdown-konform zu unterhalten – u.a. mit Interviews von Sonya Yoncheva und dem Dortmunder Intendanten Heribert Germeshausen, dem Portrait der Regisseurin Ilaria Lanzino, einer Hommage an Leonie Rysanek, unserem ersten gemeinsamen Beitrag 2021 mit RTS Salzburg sowie vielen Buch-, CD- und Streaming-Tipps auf den Seiten „Medien“ und „Rezensionen“.
Unser Magazintitel hat es diesmal sogar zum Aufkleber geschafft: #opergehtbaden – ein Exemplar davon erreicht als kleines Dankeschön in diesen Tagen unsere Abonnentinnen und Abonnenten. Sie wissen ja: „Was man ernst meint, sagt man am besten im Spaß.“ (Wilhelm Busch)

Iris Steiner

Hoffen wir auf bessere Zeiten, auf einen sonnigen Frühling … und überhaupt! 


Ihre Iris Steiner
Chefredakteurin

6. Januar 2021

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Iris Steiner

wir freuen uns, Ihnen an dieser Stelle die neue „orpheus“-Seite vorzustellen – und damit zur Abwechslung wenigstens ein kleines positives Ergebnis dieser kultur- und freudlosen Zeiten. Die Redaktion konnte sich voll und ganz der längst überfälligen Aufgabe widmen, unsere bis dato rudimentäre Website auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen … womit es dann aber schon wieder vorbei ist mit den guten Nachrichten, denn zum ersten Mal in der Geschichte des Magazins erscheint „aufgrund äußerer Umstände“ keine Januar/Februar-Ausgabe.

Wir haben uns dazu entschieden, Ihnen stattdessen an dieser Stelle eine „kleine Digitalausgabe“ anzubieten – ohne den Anspruch, ein ganzes Heft mit mehr oder weniger Pseudo-Inhalten füllen zu müssen. Wir verzichten bewusst auf hilflose „Anstelle-von-Geschichten“ mit und über Künstler und Theater, die seit Monaten ihre Kreativität darin investieren, Auswege aus einem staatlich verordneten Berufsverbot zu finden. Abgesehen davon, dass schlecht besuchte oder geschlossene Kioske keine Magazine verkaufen und gestreamte Premieren am heimischen Bildschirm nicht die Basis für differenzierte Theater-Besprechungen sind.

Statt des üblichen Titelcovers, das Sie zukünftig an dieser Stelle finden werden, starten wir in Abwandlung einer alten Theatertradition mit dem sogenannten „Ghost Light“ in das Kulturjahr 2021: Mitten auf der Bühne brennt eine Glühbirne die ganze Nacht hindurch – bis sich das Theater wieder mit Leben füllt. Normalerweise wird dieses Zeichen nach Proben oder Vorstellungen eingesetzt. Normalerweise …

Der Zustand unserer auf Dauer geschlossenen Theater ist ein Unding. Das ginge auch anders, davon sind wir überzeugt. Ob es am Willen, am Mut, an einer gemeinsamen Lobby oder am Impfstoff fehlt, sei dahingestellt. Allerdings waren Kunst und Kultur gerade in schwierigen Zeiten immer ein Anker für die seelische Gesundheit einer Gesellschaft. Jahrzehntelange Abwertung musischer Bildung im modernen Schulsystem trägt erste Früchte, wenn man sich die Wertschätzung von Kunst und Kultur bei unseren führenden Politikern so anschaut.

Und ab wann wird man eigentlich durch zu viel stumme Toleranz selbst zum Täter?

Viel Spaß beim Stöbern und „Durchklicken“. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Hoffen wir auf ein Ende dieses Irrsinns in 2021.


Ihre Iris Steiner
Chefredakteurin

1. Januar 2021

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Iris Steiner

es sind schwierige Zeiten für das Musiktheater. Neben dem Schutz der Gesundheit aller – zurecht im Mittelpunkt des Interesses – werfen überzogene Regelungen vor allem bei starren Besucherhöchstgrenzen in Opernhäusern und Theatern Fragen auf: Wer legt in einem großen Haus mit 2.000 Plätzen eine Obergrenze von 200 Besuchern fest – und ­warum? Wieso werden unsere Kulturstätten zu potentiellen Superspreadern erklärt, ohne dass auch nur ein einziges Beispiel dies verifiziert? FELIX AUSTRIA kann man da nur sagen, denn unser Nachbarland geht mit gutem Beispiel voran. Die Wiener ­Staatsoper und viele andere Häuser und Festivals in ganz Österreich zeigen jeden Tag, dass „es geht“, wenn der dementsprechende Wille vorhanden ist. Den spreche ich unseren deutschen Politikern so langsam ab. Im Mittelpunkt steht eine nicht mehr nachvollziehbare Sündenbock- und Almosenpolitik, die ungeachtet vielstimmiger Kritik aus allen Ecken des Kunstbetriebs auf einem sturen „Alles bleibt wie es ist“ beharrt. „Oper ohne Angst“ lautet daher auch unser aktueller Titel ganz bewusst mit Blick auf Werte, die wir im ­Begriff sind, leichtfertig zu verspielen.

Denn WIE wichtig es ist, kulturelle Freiheiten zu verteidigen, zeigte uns ein so zufälliges wie dramatisches Beispiel in einem ganz anderen Zusammenhang. Für den Beitrag ­„Kunst in der ­Krise!?“ (ab Seite 32) befragten wir unter anderem Kulturunternehmer ­Jochen Sandig, der mit der weißrussischen Bürgerrechtlerin Maria ­Kalesnikava in intensivem Austausch stand, bis sie im Kampf für die Demokratie in ihrem Land verhaftet wurde. Nach wie vor versucht er, den Kontakt mit ihr aufrechtzuerhalten. Parallel hat er mit anderen Akteuren einen offenen Brief zur Unterstützung ihrer Freilassung an die Bundeskanzlerin geschrieben. Kurz vor Redaktionsschluss erhielten wir über ihn diese aktuelle Mitteilung von Frau Kalesnikava aus dem Gefängnis in Belarus. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ihre Iris Steiner
Chefredakteurin

„To the entire cultural community

„Ihre Unterstützung verleiht mir außergewöhnliche Kraft und Inspiration. Ein solches Beispiel der Solidarität lässt nicht nur die volle Kraft und den Wert unserer Gemeinschaft erkennen, sondern zeigt auch, dass dies eine von Prinzipien getragene Position ist. Wir arbeiten nicht nur dafür, Ideale von Güte, Humanismus und Gerechtigkeit auszurufen, sondern sind auch bereit, sie zu ­verteidigen und für sie zu kämpfen. ›Kunst ist unpolitisch‹ – das ist eine gängige Aussage, insbesondere in postsowjetischen Ländern. Dies ist jedoch nicht richtig. Kunst im 21. Jahrhundert ist untrennbar mit Politik verbunden. Es ist unmöglich, in einem System, in dem es Zensur, Staatsideologie und faktisch ein Verbot der freien Kreativität gibt, frei zu denken und zu arbeiten. Selbst in schwierigsten Zeiten benennen Kulturschaffende furchtlos die Probleme der ­Gesellschaft, bringen Ungerechtigkeiten ans Licht und monieren mangelnde Freiheit. Daher ist die Kraft der Solidarität und der Zusammenhalt unserer Gemeinschaft nicht nur ein Beispiel für die gesamte Gesellschaft. Sie ist auch eine treibende Kraft, mit der gerechnet werden muss als Motor für Veränderungen und Transformationen in der Gesellschaft.“

Maria Kalesnikava

#freekalesnikava / #kalesnikava