{"id":10030,"date":"2024-07-11T15:37:05","date_gmt":"2024-07-11T13:37:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/?p=10030"},"modified":"2024-07-11T16:30:10","modified_gmt":"2024-07-11T14:30:10","slug":"muenchen-pelleas-et-melisande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/de\/2024\/07\/11\/muenchen-pelleas-et-melisande\/","title":{"rendered":"Haus der Blinden"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIch f\u00fchle mich krank hier\u201c, gesteht M\u00e9lisande z\u00f6gernd ein. Man kann es ihr in der M\u00fcnchner Neuproduktion von Claude Debussys einziger Oper in jeder Sekunde nachempfinden. Von den ersten Takten an zieht sich im Prinzregententheater die Dunkelheit zusammen, musikalisch, b\u00fchnen\u00e4sthetisch, emotional. Regisseurin Jetske Mijnssen sperrt die Natur konsequent aus und verortet die Geschichte ausschlie\u00dflich in den Innenr\u00e4umen von Schloss Allemonde \u2013 kein Wald, kein Park, keine Felsengrotte wie im Original. Ben Baurs Ausstattung ist entsprechend reduziert: dunkler Parkettboden, eine Chaiselongue, zwei Kerzenleuchter, Bett, Tisch, St\u00fchle, steif-konventionelle Kleidung \u2013 und nach hinten zu pechschwarzes Nichts, umrahmt von kaltem Neonlicht. Den verr\u00e4tselten Symbolismus dieser hermetisch abgeriegelten Welt, der schon Maurice Maeterlincks Dramenvorlage ber\u00fchmt machte, \u00fcbersetzt Mijnssen konsequent in die gro\u00dfb\u00fcrgerliche Gesellschaft der vorletzten Jahrhundertwende \u2013 1902 wurde Debussys Oper in Paris uraufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mief eines stumm an sich selbst erstickenden Familienclans tritt in dieser Lesart ungesch\u00f6nt und mit fein gearbeiteten Gesten hervor, ohne auf \u00fcberzogen soapige Effekte zu setzen. Das w\u00fcrde auch gar nicht passen zu \u201ePell\u00e9as et M\u00e9lisande\u201c, diesem leisen, traumverlorenen \u201eDrame lyrique\u201c. Inmitten der subtilen M\u00e4rchenankl\u00e4nge im Libretto steckt im Kern die Trag\u00f6die einer aus vier Generationen bestehenden Familie \u2013 und genau auf die kommt es Mijnssen auch an, mit all dem nur zwischen den Zeilen zu Lesenden, das am Esstisch unausgesprochen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles andere als erstickender Mief wird in dieser zweiten Premiere der M\u00fcnchner Opernfestspiele von einem \u00fcberragenden Ensemble aufgeboten. An erster Stelle zu nennen ist Christian Gerhaher, auf den die ganze Produktion wie zugeschnitten zu sein scheint: Sein Golaud ist eine Charakterstudie sondergleichen, ein getriebener, \u00fcberspannter, abgr\u00fcndiger Choleriker, der nicht wei\u00df wohin mit seinen j\u00e4hzornigen Ausbr\u00fcchen, die sich in intensivst aufbrodelnder und doch nie eindimensionaler Gesangskunst Bahn brechen. Sabine Devieilhe zeichnet M\u00e9lisande, die ihm an den eigenen Bruder entgleitende Frau, nicht nur mit kristalliner Anmut, sondern kratzt immer wieder auch an den brennenden Narben der geheimnisumwobenen Vergangenheit ihrer Partie. Pell\u00e9as, der Dritte im Bunde, kann sowohl mit einem Tenor als auch einem Bariton besetzt werden. Mit Ben Bliss hat sich die Bayerische Staatsoper f\u00fcr Ersteres entschieden, was dank dessen leichtf\u00fc\u00dfiger Jugendlichkeit und seinem schlanken, bet\u00f6renden Timbre nicht zuletzt der Abgrenzung der beiden Br\u00fcder zugutekommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erhabene Bass von Franz-Josef Selig als greises Familienoberhaupt Arkel und die bei aller Etikette empathische Genevi\u00e8ve von Sophie Koch tun das ihre zu einem absolut runden Gesamteindruck. Unbedingt zu erw\u00e4hnen ist auch Felix Hofbauer vom T\u00f6lzer Knabenchor, der Golauds Sohn aus erster Ehe \u2013 ein versch\u00fcchtertes, misshandeltes, stumm leidendes Kind \u2013 in seltener Knabensopran-Qualit\u00e4t und mit exzellentem Schauspiel darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Hannu Lintu. Er verl\u00e4sst sich nicht allein auf das tr\u00e4umerisch-wogende Schillern in Debussys Partitur, sondern steuert auch auf gezielte musikalische Eruptionen hin, was dem dramaturgischen Spannungsaufbau im Wechselspiel sehr guttut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Element Wasser zieht sich von Beginn an wie ein roter Faden durch die Inszenierung, die \u201eQuelle der Blinden\u201c m\u00fcndet im letzten Akt in einem die ganze B\u00fchne flutenden Wassersteg \u2013 die Br\u00fccke ins Jenseits? Dass Jetske Mijnssen nicht krampfhaft versucht, auf all die Fragezeichen von Maeterlinck und Debussy gek\u00fcnstelt Antworten zu konstruieren, macht diesen Abend zu einem H\u00f6hepunkt des laufenden Festspielsommers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Florian Maier<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ePell\u00e9as et M\u00e9lisande\u201c (1902) \/\/ Drame lyrique von Claude Debussy<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/stuecke\/pelleas-et-melisande\" target=\"_blank\" aria-label=\"Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"ek-link\">Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"location\">M\u00fcnchen \/ Bayerische Staatsoper (Juli 2024)<\/span><\/br><br \/>\nDebussys \u201ePell\u00e9as et M\u00e9lisande\u201c als gl\u00e4nzend besetztes Kammerspiel<\/p>","protected":false},"author":12,"featured_media":10031,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"tpgb_global_settings":"","_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[34,1702],"tags":[],"class_list":["post-10030","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-rezensionen-2024-05"],"tpgb_featured_images":{"full":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl.jpg",1500,844,false],"tp-image-grid":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl.jpg",700,394,false],"thumbnail":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl-768x432.jpg",600,338,true],"large":["https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bayerische-Staatsoper_Pelleas-et-Melisande-c-Wilfried-Hoesl-1024x576.jpg",600,338,true],"default":"https:\/\/www.orpheus-magazin.de\/wp-content\/plugins\/the-plus-addons-for-block-editor\/assets\/images\/tpgb-placeholder.jpg"},"tpgb_post_meta_info":{"get_date":"11. 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